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Freitag, 1. Januar 2021

„Vom Wochenbett zum Workout“ von Juliana Afram – Rezension



Das Rezensionsexemplar von "Vom Wochenbett zum Workout" von Juliana Afram wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom Trias Verlag zur Verfügung gestellt. Mithin Werbung.

Not macht wissbegierig

Immer wieder hat man den Eindruck, dass Frauenheilkunde in der Medizin stiefmütterlich behandelt wird. Oft werden Leiden nicht erkannt, verharmlost oder nur unzureichend behandelt.
Auch Juliana Afram ist aus eigener Betroffenheit Expertin für Rückbildung, Beckenboden und postpartales Training geworden. Die Ratschläge, die sie von ihrem Gynäkologen nach den Geburten ihrer beiden Kinder erhielt, waren völlig unzureichend und teilweise falsch. Gerade nach der ersten Geburt kann man selber schlecht Einschätzen, ob die Rückbildung normal verläuft. Natürlich richtet man sich dann nach der Empfehlung seines Arztes. Dass Frauenärzte nur leider in dieser Beziehung oft nicht auf dem Stand der Wissenschaft sind, sagt einem keiner. Aber natürlich hängt das, wie in jedem anderen Beruf, auch von den Interessen und der Fortbildungsbereitschaft des Arztes ab.

Deswegen begrüße ich dieses Buch besonders, weil es ein Grundwissen vermittelt, das jede Mutter haben sollte. Damit ist man nämlich in der Lage, selber grob einzuschätzen, ob man sich weitere Hilfe bei einer Hebamme, einer Osteopathin, einer Physiotherapeutin oder in einem Beckenbodenzentrum suchen sollte. Irgendwann möchte man schließlich wieder beim beschwerdefreien Workout ankommen.

Stetige Veränderung

Im Buch werden alle Veränderungen, die der weibliche Körper während der Schwangerschaft und nach der Geburt durchläuft, nicht nur aufgezählt, sondern auch eingängig erläutert.
Anhand von Schautafeln kann man sehr gut nachvollziehen, was für eine Meisterleistung unser Körper in diesen 10 Monaten vollbringt. Ungewohnt ist es, dass die Frauen auf den Schautafeln unterschiedliche Hautfarben haben. Es ist aber längst an der Zeit, dass sich die reale Diversität auch in wissenschaftlichen Abbildungen wiederfindet.

Hands on - Juliana Afram beim Ertasten einer Rektusdiastase

Rückbildung der Gebärmutter

Im Buch finden sich auch Informationen zur Rückbildung des Uterus. Normalerweise überprüft das die Nachsorgehebamme. Allerdings erklärt nicht jede Hebamme bei der Überprüfung, was da gemacht wird. Immer öfter finden Schwangere auch gar keine Hebamme mehr für die Nachsorge. Es herrscht auch der Irrglaube, dass die Nachsorgehebamme nur die Entwicklung des Säuglings überwacht. Sollte man also in der misslichen Lage sein, keine Hebamme zu haben, die einen im Wochenbett aufsucht, hat man mit diesem Buch zumindest eine Übersicht, wie die Gebärmutter sich zurückbilden sollte. Ob man das selber gut ertasten kann und möchte, ist dann natürlich die nächste Frage.

Hebammentipps

Ohnehin ist eine Hebamme im Wochenbett nicht durch ein Buch zu ersetzen. In diesem Buch finden sich aber viele Tipps und Hinweise, die einem eigentlich die eigene Hebamme geben sollte. Es ist tatsächlich auch nicht doof, wenn man sie vor dem Wochenbett schon einmal gelesen hat, damit man eine ungefähre Vorstellung hat, was einen erwartet. Beim Lesen hilft es, dass Juliana Afram einen lockeren und zeitgemäßen Schreibstil hat, den ich oft in Geburts- und Beckenboden-Literatur vermisse. So fühlt man sich zumindest nicht gleich wie zur Ü50-Liga gehörend.

Beckenboden im Fokus

Dem Beckenboden wird in diesem Buch selbstredend ein wichtiger Abschnitt eingeräumt. Seine Funktion und sein Aufbau werden sehr umfassend und anhand anatomischer Schautafeln beschrieben. Die Übungen für das Wochenbett starten mit Wahrnehmungsübungen und die Autorin erläutert auch den Einfluss der Atmung auf den Beckenboden. Hier merkt man, dass Juliana auch Pilates-Trainerin ist. Da der Beckenboden aber auch im direkten Zusammenspiel mit dem Zwerchfell arbeitet, macht das durchaus Sinn.
Dementsprechend sind unter den ersten Übungen viele Atemanleitungen, aber auch Klassiker aus dem Rückbildungskurs wie die "Becken-Uhr".

Juliana Afram

Massage der Kaiserschnittnarbe

Toll finde ich übrigens, dass genau erläutert wird, wie eine Massage der Kaiserschnittnarbe funktioniert und worauf man dabei achten sollte. Aus eigener Erfahrung kann ich nämlich sagen, dass diese Techniken einem Gutteil der Kaiserschnittpatientinnen weder in der Klinik, noch von der Hebamme oder Frauenärztin gezeigt werden.

Muskuläre Zusammenhänge

Ein weiterer großer Part widmet sich der Bauch- und Rückenmuskulatur, der hüftstabilisierenden Muskulatur, den Füßen und dem jeweiligen Einfluß auf Eure Stabilität und Statik. Wahrscheinlich werdet Ihr nie einen Rückbildungskurs finden, in dem Euch diese körperlichen Zusammenhänge so detailliert vermittelt werden. Überhaupt ist "Vom Wochenbett zum Workout" ein modernes Buch, in dem nicht nur "vorgeschrieben", sondern auch viel erklärt wird.

Worüber niemand gerne spricht

Auch werden viele Beschwerden in diesem Buch behandelt, unter denen Mütter nach einer Entbindung leiden können. Das Kapitel muss man sicherlich nicht schon während der Schwangerschaft verinnerlichen. Wenn man aber postpartum unsicher ist, ob man sich mit Schmerzen, einer Rectus Diastase oder zum Beispiel auch Inkontinenzproblemen Hilfe holen sollte, findet man hier viele informative Tipps. Dieses Wissen hilft einem auch gegenüber Fachleuten zu bestehen, die einen nicht ernst nehmen oder die Beschwerden leichtfertig abtun. Das passiert leider immer noch extrem oft, weil den Rückbildungsprozessen -anders als Schwangerschaft und Geburt- nicht die entsprechende Wichtigkeit zugemessen wird.

Work it!

Die Übungen nehmen in diesem Buch selbstverständlich den Hauptteil ein, damit man auch irgendwann wieder beim Workout ankommt. Wie der Titel verspricht geht es bei Beckenbodenwahrnehmung und Training für das Wochenbett los, führt dann über Rückbildungsübungen weiter, bis hin zum sanften Wiedereinstieg in den Sport. Für den Start ins Workout finden sich in dem Buch viele klassische Pilatesübungen, aber auch einige Vorschläge, um wieder ins Krafttraining und in den Ausdauersport einzusteigen. Insgesamt also ein rundes Paket, das einem enorm hilft, die eigene Mitte wieder zu stärken und sich für neue sportliche und familiäre Aufgaben fit zu machen.

Fazit

Da Hebammen für Rückbildungskurse nur sehr gering von den Krankenkassen entlohnt werden, wird das Angebot in Hamburg trotz steigender Geburtenzahlen immer knapper. Mittlerweile muss man sich schon für einen Rückbildungskurs anmelden, bevor man überhaupt sein Baby im Arm hält. Für alle Frauen, die keinen Platz in einem Rückbildungskurs finden konnten oder sehr lange auf einen Platz warten müssen, ist ein Buch mit Rückbildungsübungen natürlich eine super Hilfe. Aber auch wenn man zu Hause ergänzend zum Rückbildungskurs trainieren möchte, ist das Buch zu empfehlen.
Die Übungen sind alle sehr nachvollziehbar beschrieben und fast sämtlich bebildert. Damit sollte es beim Training keinerlei Probleme geben. Ergänzend findest du auf der Homepage von Juliana Afram The Center viele informative Videos und auch einen Online-Kurs für mehr Beckenbodenglück, wenn einem das Buch alleine nicht ausreicht.

Klappentext

Wenn es an diesem Buch etwas zu kritteln gibt, ist es, dass es für Laien nicht ganz leicht verständlich ist. Trotz Julianas lockerer Schriftsprache ist das Buch im Informationsteil an der Grenze zum Fachbuch. Viele medizinische und anatomische Fachbegriffe werden zwar bei der ersten Erwähnung erläutert. Wie beschrieben ist das Buch auch gut und reichlich bebildert. Trotzdem ist es nicht leicht zu lesen, wenn man nicht vom Fach ist. Ich kann mir vorstellen, dass man die Namen der Knochen bestimmt immer mal wieder durcheinander bringt und auch Begriffe wie "Fundusstand" oder "Palpationspunkt" sind umgangssprachlich nicht gerade gebräuchlich.
Allerdings werden viele Mütter, ähnlich wie die Autorin selbst, mit der Zeit nahezu Expertinnen auf diesem Gebiet. Gerade wenn man Beschwerden hat, ist man oft gezwungen, sich selber in die Materie einzuarbeiten.

Mit diesem Buch hat man aber sicherlich ein umfassendes Werk zu Hause, wo man immer wieder nachschlagen kann, wenn eine Frage aufkommt. Das ist gegenüber einer ungezielten Internetsuche deutlich zu empfehlen, da leider im Netz viele dubiose medizinische Informationen kursieren.

"Vom Wochenbett zum Workout" ist eine Sammlung der geballten Informationen, die Schwangere und Mütter bei entsprechendem Bedarf von ihren Ärzten und Hebammen erhalten sollten. Leider erhalten in der Praxis nur die allerwenigsten Mütter alle für sie wichtigen Informationen. Daher war es an der Zeit, dass Juliana dieses Buch geschrieben hat.

„Rabenvater Staat“ von Jenna Behrends (Rezension)

 


 Das Rezensionsexemplar von "Rabenvater Staat" von Jenna Behrends wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom DTV zur Verfügung gestellt. Mithin Werbung.

Die junge CDU-Frau

Jenna Behrends hat Rechtswissenschaften studiert und eine journalistische Ausbildung gemacht. Sie ist 28 Jahre alt, Mutter und erzieht ihre Tochter getrennt vom Vater. Kein ganz ungewöhlicher Lebensentwurf in Deutschland 2019.
Aber Jenna Behrends ist in der CDU aktiv und sitzt für die CDU in der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin Mitte.

Bei der letzten Europawahl erreichte die CDU bei den Wählern unter 30 Jahren gerade einmal 14%. Nicht nur die Wählerschaft der CDU, auch die Mitglieder vergreisen zusehends. Aus der medialen Debatte über die letzte Europawahl konnte man sogar den Eindruck gewinnen, dass Philipp Amthor das einzige aktive Mitglied der CDU unter 30 ist. Sogar der Bundesvorsitzende der "jungen" Union, Tilman Kuban, ist mittlerweile 32 Jahre alt.
Im Schnitt sind weibliche CDU-Mitglieder laut Wikipedia 33 Jahre älter als Jenna Behrends. Sowieso sind aber nur ein Viertel der CDU-Mitglieder weiblich.

Alter, CDU, Wahlen, Europawahl 2019
@Forschungsgruppe Wahlen

Allein aus diesen Zahlen kann man ablesen, dass Jenna Behrends in ihrer Partei etwas Besonderes ist. Als sie mit 23 Jahren ihre Tochter bekommen hat, ist sie der CDU beigetreten. Auch gesamtgesellschaftlich betrachtet ist das etwas Besonderes. Oft ist diese fordernde Zeit der Familie vorbehalten und junge Mütter haben weder Zeit noch Energie für politisches Engagement.

Die süße Maus

Bundesweit bekannt wurde Jenna Behrends mit einem offenen Brief, der auf Edition F veröffentlicht wurde, in dem sie den Sexismus und Stutenbissigkeit in der CDU anprangert. Kurz darauf saß sie mit ihrer Tochter auf dem Spielplatz, die BILD-Zeitung rief an und der Shit-Storm nahm seinen Lauf. Davon hat Jenna Behrends 2018 in einem Panel auf der Blogfamilia berichtet. Das Medieninteresse hatte schlicht alptraumhafte Züge. Sowas wünscht man per se niemandem.

Jenna Behrends, Digitalpoilitik, Blogfamilia 2018

Auf Spiegel-Online gibt es eine Rückschau auf die Affäre in der Jenna Behrends als "die Maus" bekannt wurde. Tatsächlich gibt diese Beschreibung der Geschehnisse aber auch einen Einblick in die Funktionsweise der CDU, die zur Hauptsache aus alten Männern und Philipp Amthor besteht.
Auf der Leipziger Buchmesse 2019 habe ich Jenna Behrends getroffen und sie als sehr sympathisch im Gespräch kennengelernt. Vom Typ wirkt sie eher zart, leise und etwas zerbrechlich - grundsätzlich eher untypisch für Politiker. Aber da sie jetzt schon ein paar Jahre in der Politik ist, sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Außerdem finde ich, dass Politikerinnen zugestanden werden muss, dass sie nicht das Gehabe von männlichen Kollegen annehmen müssen, um gehört zu werden.

Leipziger Buchmesse, LBM19, Dtv, Meet&Greet, Jenna Behrends

Ich möchte hinzufügen, dass es mir selbst ein Rätsel ist, wieso eine junge Frau überhaupt in die CDU eintritt. Aber als Hamburgerin kenne ich persönlich auch schlicht niemand mehr, der in der CDU ist. In der SPD, bei den Grünen, in der FDP - ja, aber nicht bei der CDU. Allerdings muss man anerkennen, dass es nicht doof ist, wenn man eher konservativen Wertvorstellungen anhängt und etwas bewegen möchte, sich in der großen konservativen Partei zu engagieren.

Die Familienpolitikerin

Jetzt hat Jenna Behrends ein Buch herausgebracht.
Für viele überraschend und zur großen Enttäuschung der Verlage wollte Jenna Behrends kein Buch über Sexismus in der CDU schreiben, sondern über Familienpolitik.
Klar: Sex sells, Familienpolitik eher nicht.

Als Mutter von bald zwei Kindern war Jenna Behrends aber die Familienpolitik wichtiger und deshalb hat sie "Rabenvater Staat - warum unsere Familienpolitik einen Neustart braucht" geschrieben.

In Ihrem Buch durchleuchtet Jenna Behrends die aktuelle Familienpolitik einmal vollumfänglich und lässt auch Fehler ihrer eigenen Partei nicht unerwähnt. Sie begibt sich damit freiwillig, wie sie selbst schreibt, auf "vermintes Gelände". Einerseits, weil sich natürlich keiner in das eigene Familienkonzept reinreden lassen möchte und andererseits, weil das ganze Politikfeld extrem ideologiebehaftet ist. Ganz richtig stellt sie aber fest, dass das Private politisch wird, wenn es darum geht "Zeit für Verantwortung zu schaffen" in der die nächste Generation herangezogen wird.

Flickenteppich Familienpolitik

Beim Lesen wird schnell klar, dass die Autorin sich durch unfassbare Mengen an Statistiken, Berichten und freudlosen Zahlenkolonnen gegraben haben muss. Es gibt insgesamt die aberwitzige Menge von über 150 verschiedenen staatlichen Leistungen, die Familien beanspruchen können. Jenna Behrends bemängelt diese Förderung nach dem Gießkannenprizip. Das politische Leitbild sei verloren gegangen und es gebe keine zielgerichtete Förderung. Teilweise widersprächen die Förderungen sich sogar. Dabei sollte eine Regierung sich klar darüber sein, welches Ziel ihre Politik in erster Linie anstrebt. Soll der Alleinverdienerhaushalt gefördert werden oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Steht Kinderarmut im Fokus oder eine höhere Geburtenrate? Es fehle an der Steuerungsfunktion der Förderungen.

Im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD steht die Familienpolitik auch augenscheinlich nicht im Fokus. Die Vereinbarungen sind schwammig formuliert und im Verhältnis knapp gehalten.
Tatsächlich ist es für den Bürger auch hochgradig unklar, wer in der Bundesregierung für familienpolitische Maßnahmen verantwortlich ist. Im Buch wird nachvollziehbar aufgeschlüsselt, welche Ministerien neben dem Familienministerium ihre Finger im Spiel haben und wieso das nicht gut für die Konsequenz der Familienpolitik sein kann.

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Generationengerechtigkeit wiederherstellen

Genau wie beim Lesen von "Keine Kinder sind auch keine Lösung" kocht einem als Mutter die Wut hoch, wenn das derzeitige Rentenmodel erläutert wird. Eltern zahlen für ihre Kinder, Kinderlose sorgen für die Rente vor, die Kinder zahlen dann für die Rente von beiden.
Hier verschweigt Jenna Behrends auch nicht, dass es Adenauer war, der uns dieses unausgewogene System eingebrockt hat. Sie fordert eine Unterstützung von Eltern aus Steuermitteln und zwar nicht als Umverteilungsmaßnahme, sondern als Zukunftsinvestition in die Familie als "Keimzelle des Staates".

Familienrecht modernisieren

Jenna Behrends hat bei der Recherche für ihr Buch mit zahlreichen Familien im gesamten Bundesgebiet von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Dabei ist ihr eine Vielzahl von gelebten Familienwirklichkeiten begegnet. Gerade Familien, die nicht aus einem Ehepaar mit Kindern bestehen, fänden sich im aktuellen Familienrecht nicht ausreichend wieder. Anhand anschaulicher Alltagsbeispiele schildert sie die enormen Probleme, die daraus für Menschen, die in anderen Familienmodelle leben, tagtäglich entstehen. Einen Satz aus dem Kapitel "Politik, die zum echten Leben passt" halte ich dabei für besonders bemerkenswert: "...die Politik bekommt auf Dauer ein Problem, wenn sie nicht mit dem übereinstimmt, was gesellschaftlich gelebt und gewollt wird". Genau das musste die CDU bei den letzten Europawahlen schon in Bezug auf Ihre Klimapolitik erfahren. Insbesondere die Parteiführung hat in ihren Stellungnahmen aber, gelinde gesagt, uneinsichtig reagiert.

Steuerliche Vergünstigungen überarbeiten

Ein weiterer Punkt, der von Jenna Behrends angeführt wird und der nachvollziehbar einer Neuregelung bedarf, sind die Steuersätze. Es ist schlicht unverständlich, wieso Windeln mit dem vollen Mehrwertsteuersatz besteuert werden und Ferkel, die von Schweinezüchtern gekauft werden nur mit dem ermäßigten Steuersatz von 7%. Meines Erachtens tatsächlich nur dadurch erklärbar, dass Eltern vermutlich die schlechtesten Lobbyisten der Republik sind. Trecker auf den Autobahnen ziehen einfach deutlich besser, als ein angedrohter Geburtenstreik, wenn man doch schon Kinder hat.

Ebenso wird im Kapitel "Politik, die mit Steuern steuert" die bereits vieldiskutierte Frage aufgeworfen, wieso die Ehe an sich einer Subventionierung durch das steuerliche Splittingverfahren bedarf. Die Ungerechtigkeit dieser Regelung wird im Buch besonders deutlich am Beispiel einer verwitweten Mutter, die durch den Tod ihres Mannes nicht nur auf einmal allein mit zwei Kindern, sondern durch den Wegfall des Ehegatten auch noch steuerlich schlechter dasteht.
Interessanterweise setzt sich Jenna Behrends nicht für ein Familiensplitting ein, sondern für eine individuelle Besteuerung aller Steuerpflichtigen. Nachvollziehbar würden dadurch die Fehlanreize, die das Ehegattensplitting schafft, wegfallen und Allein- und Zuverdienerehen wären weniger attraktiv. Jenna Behrends rechnet mit freiwerdenden Mitteln in Höhe von 15 Milliarden Euro, die für wirkliche Familienförderungen eingesetzt werden könnten.

Durchschaubarkeit schaffen

Eine weitere Forderung der CDU-Politikerin ist, mehr Transparenz für Familien zu schaffen. Leistungen, die der Staat zur Verfügung stellt, sollen natürlich auch von den Berechtigten abgerufen werden können. Dies scheitert aktuell daran, dass kaum eine Familie den Überblick über die mehr als 150 staatlichen Leistungen habe. Dazu käme, dass der Föderalismus mit seinen länderspezifischen Regelungen die Abrufbarkeit deutlich erschwere. Jenna Behrends schlägt für mehr Übersichtlichkeit eine Bündelung von Leistungen und die zentrale Zuständigkeit eines Familienbüros vor.

Kinderbetreuung sichern

Als Berliner Bezirkspolitikerin kommt Jenna Behrends nicht um das Thema der Kinderbetreuung herum. In Berlin ist die Situatoin mittlerweile derart schwierig, das es die Eltern auf die Straße treibt. Allerdings ist die Lage auf Grund der unterschiedlichen Zielsetzungen der zuständigen Länder und der jeweils zur Verfügung stehenden Mittel von Bundesland zu Bundesland derart unterschiedlich, dass die Probleme auch sehr verschieden sind. Insgesamt fordert Jenna Behrends aber ausreichende Plätze und mehr Qualität in der Kinderbetreuung. Zur Not auch durch Erhöhung bzw. Wiedereinführung der Elternbeiträge.

Fazit

Am Ende des Buches bin ich sehr froh, dass Jenna Behrends über Familienpolitik und nicht über Unappetitlichkeiten in der greisen CDU geschrieben hat. Erstens findet Familienpolitik trotz der großen betroffenen Wählergruppe viel zu wenig Beachtung und zweitens scheint es kaum Politiker zu geben, die Familienpolitik in all ihrer Kompliziertheit zu ihrem Thema machen. Da kann eine junge Frau, die noch mitten in der Familienphase ist, der Familienpolitik nur gut tun. Auch wenn man sich manchmal wünschte, dass sie lauter und ärgerlicher wäre, angesichts der geschilderten Ungerechtigkeiten - weniger Maus.
Aber solche Frauen finden in der CDU offenbar wenig Unterstützung.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich beim Lesen nur an wenigen Stellen das Gefühl hatte, dass das Buch parteipolitisch eingefärbt ist. Einerseits erscheint die Autorin im Gegensatz zu ihrer Parteivorsitzenden erfrischend aufgeschlossen und andererseits weiß man natürlich überhaupt wenig darüber, wie jüngere CDUler ticken. Allerdings liegen die im Buch behandelten familienpolitischen Themen auch einfach derart im Argen, dass es aus Sicht von Menschen mit minderjährigen Kindern kaum Streit darüber geben wird, dass sie angegangen werden müssen. Die Frage ist vielmehr, wie sich eine Verbesserung dieser Punkte gegenüber den anderen gesellschaftlichen Interessengruppen durchsetzen lässt. Daher begrüße ich dieses Buch, weil es dem Leser Argumente und Zahlen an die Hand gibt, um diese Diskussion zu bestreiten. 


Don't worry, be Mami von Sandra Runge - Rezension



Ein Exemplar von „Don't worry, be Mami“ wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom Blanvalet Verlag zur Verfügung gestellt.

Ein Kind, viele Sorgen

In "Don't worry, bei Mami" erzählt Sandra Runge ihre Geschichte. Diese Geschichte beginnt damit, wie sie nach ihrer ersten Elternzeit von ihrem Arbeitgeber knallhart verarscht wurde. Ganz dreist wurde sie an ihrem ersten Arbeitstag nach der Elternzeit ohne Vorwarnung entlassen. Man sollte denken, dass dies ein Zusammentreffen von unglücklichen Umständen und miesestem Führungsstil war, das in dieser Form nur selten vorkommt. Leider ist dem nicht so. Frauen verlieren auf vielfältige Art und Weise ihre Jobs, nur weil sie ein Kind bekommen. Zum Glück ist Sandra Runge Anwältin und hat in ihrem Buch viele Ratschläge und Tipps zusammengefasst, wie man Schwangerschaft und Elternzeit möglichst ohne monetäre Einbußen und rechtlich abgesichert übersteht.
Es beginnt mit dem Steuerklassenwechsel, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist und endet mit der Haftung für durch Kinder verursachte Schäden.

Geballte juristische Expertise

Das Buch ist kein juristisches Fachbuch, sondern allgemein verständlich geschrieben. Wer aber erwartet, dass dieses Buch ohne juristische Fachbegriffe auskommt und alles ganz einfach erklärt ist, wird etwas enttäuscht werden. Grund hierfür ist schlicht, dass man juristische Normen und Sachverhalte präzise schildern muss, damit es nicht falsch wird. Trotzdem gibt es natürlich viele Erläuterungen. Sandra Runge leitet einen anhand ihrer Geschichte von Ratschlag zu Ratschlag. Die Story mag daher teilweise etwas konstruiert wirken und die Lieblingsfarbe von Juniors Löffel mag auch nicht jeden interessieren. Dafür erlebt man aber hautnah mit, wie der tägliche Wahnsinn mit Kind auch bei eigentlich aufgeräumten Juristinnen zuschlägt. Außerdem hat die Rahmengeschichte den Vorteil, dass das Buch überhaupt lesbar ist. Nichts ist schlimmer, als wenn juristische Sachbücher zu trocken sind, denn dann schafft man es meist gar nicht, sie überhaupt zu Ende zu lesen.

Die innere Anwältin

Dass man jedes Mal, wenn man das Buch sieht, den dümmlichen Ohrwurm "Don't worry, be happy" hat, muss man beim Kauf dieses Buches hinnehmen. Beinahe hätte ich das Buch übrigens nach den ersten Seiten nicht weiter gelesen. Die häufig zu Wort kommende "innere Anwältin" der Autorin erinnert mich nämlich latent an die "innere Göttin", wegen der ich schon von 50 Shades of Grey nicht mehr als einen Auszug lesen konnte. Zum Glück weiß die "innere Anwältin" irgendwann auch, wann sie die Schnauze zu halten hat.

Geldwerte Tipps

Elternratgeber, Kopfkissen, Schwangerschaft, Sandra Runge

Im günstigsten Fall liest man dieses Buch übrigens schon ganz in Ruhe in der Schwangerschaft. Wegen der Stilldemenz markiert man sich dann am besten die relevanten Stellen mit Post-Its und legt es zum Nachschlagen unters Kopfkissen, bis die Kinder ausgezogen sind. Dieses Buch spart einem eine Menge Nerven und im Zweifel auch eine Menge Geld. Gerade die Tipps zu Mutterschaftsgeld, rechtlicher Absicherung gegenüber dem Arbeitgeber, Steuerklassen, Hebammen- und Krankenkassenleistungen sowie Elterngeld sind bares Geld wert, so dass sich der Kaufpreis dicke lohnt.

Zukunftsmusik

Mein Abschnitt in "Don't worry, be Mami" ist übrigens der "Wiedereinstieg auf dem Ponyhof". In dieser Traumsequenz, die nur über zwei Seiten geht, schildert Sandra Runge, wie sie sich die perfekte Behandlung von Schwangeren und Müttern durch Arbeitgeber vorstellt.
So crazy, wie die Autorin das Szenario auf Ihrem Ponyhof schildert, finde ich das gar nicht. Die Doppelseite sollte man seinem Chef oder seiner Chefin ruhig mal kopieren und unter der Bürotür durchschieben. Bei Umsetzung dieser wenigen Maßnahmen wäre schon viel gewonnen in Deutschland!

Miss Multitasking

Sandra Runge, LAUFMAMALAUF, Sissi Rasche, Mompreneursgn="aligncenter" width="850"] Fotograf: Andreas Schwarz

Sandra Runge hat mittlerweile übrigens zwei Jungs und ihre eigene Kanzlei in Berlin. Dazu bringt sich vermehrt auch politisch ein, ist Gründerin von Coworking Toddler und hat einen sehr folgenswerten Blog unter www.smart-mama.de. Auf dem letzten Netzwerktreffen von LAUFMAMALAUF habe ich Sandra Runge übrigens persönlich bei einer Podiumsdisskussion mit anderen Mompreneurs erlebt. Und was soll ich sagen? Das zarte Persönchen ist engagiert, eloquent und fachlich top.
Und genau deshalb hilft einem auch ihr Buch auf den Punkt weiter.

 

 

Muttergefühle 2 von Rike Drust - Rezension



Ein Rezensionsexemplar von "Muttergefühle. Zwei" wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom C. Bertelsmann-Verlag zur Verfügung gestellt.

Schönes Scheitern

"Muttergefühle. Zwei - Neues Kind, neues Glück" ist der volle Titel des Buches, der "Muttergefühle. Gesamtausgabe" ad absurdum führt. Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt. Die Autorin, Rike Drust, hat ein zweites Kind bekommen und sie ist wahnsinnig glücklich. Zum Glück ist sie nur bis Seite 48 wahnsinnig glücklich. Nicht, dass man Rike das Glück nicht gönnt und es auch mal genießt, wie sie sich und Eltern im Allgemeinen abfeiert, aber genialer ist es, wenn sie von ihrem Scheitern berichtet. Erstens weil einem beim Lesen vor Lachen der Rotwein aus der Nase läuft und zweitens, weil sich das so kaum eine traut. Das Buch ist sozusagen die "Fuck-Up-Night" der Eltern-Ratgeber. Und wie immer lernt man da am meisten.

Wattsefacko?

Aber wer ist die Frau auf dem Foto im Klappentext, die viel zu jung für die Geschichten in Ihrem Buch ist? Morgens soll sie wie Doc Brown aus "Zurück in die Zukunft" aussehen? Hm. Schwer zu glauben, wenn man nicht weiß, dass das auch schon das Autorenfoto im letzten Buch war. In dem von 2011. Jetzt ahnt man, dass die Frau auf dem Foto das Gesamtpaket an Muttergefühlen noch nicht abbekommen hat. Zumindest nicht Teil 2. Allerdings verstehe ich tatsächlich nicht, wieso der Verlag dieses uralte Foto verwendet hat. Denn erstens versichert Rike Drust in Ihrem Buch und auch auf ihrem Blog glaubhaft, dass sie mittlerweile jegliche Eitelkeit abgelegt hat und zweitens sieht diese lebensfrohe Frau jetzt noch viel fröhlicher und interessanter aus.

Rike Drust, Autorin, Foto

Mein Lieblingssatz

Wie im ersten Buch begleitet man mit Rike wieder eine Mutter, die das richtige Leben für sich und ihre Familie findet. Sie wurschtelt sich durch den Dschungel aus Erziehungscredos von Färbern bis Attachment Parenting, bleibt entspannt, blockt die Dogmatiker ab und findet ihren eigenen Weg. Mein Lieblingssatz ist (selbstverständlich) aus dem Kapitel "Penis! Hahahaha. Penis! Hahahaha.". Eigentlich geht es in dem Kapitel um die gewöhnungsbedürftigen Gesprächen mit Kindern über ihre Entstehung. Weil Rike Drust aber gerne und schön über Liebe schreibt und wie sie sein sollte, ist der letzte Satz dieses Kapitels: "Und dann spüren wir, dass es auf den ersten Blick vielleicht kompliziert ist, aber auf den zweiten großartig, weil alles geht was glücklich macht." Dieser Satz ist im ursprünglichen Zusammenhang wahr, aber darüber hinaus auch für alles, was Kindererziehung betrifft. Sozusagen die Essenz des Buches.

 

Worte für die Liebe

Grundsätzlich betont Rike Drust, dass sie keinen Wert darauf legt, Ratgeber zu schreiben. Jetzt hat sie doch aus Versehen (wieder) einen geschrieben.
Der beste Rat aus diesem Buch ist, einen Ehevertrag zu schließen. Aus irgendeinem Grund ist die gemeinsame Eigentumswohnung der Drusts nämlich im Grundbuch nur auf ihren Mann eingetragen. Um sich und die Kinder trotzdem abzusichern, haben sie und ihr Mann einen Ehevertrag geschlossen. Im Buch finden sich zwar auch gute Tipps zur Ausgestaltung eines Ehevertrages, aber das ist ja eigentlich nicht das Schwierige an Eheverträgen. Da kann man sich einfach beim Anwalt beraten lassen.

Rike Drust, Lovers

Das Schwierige an Eheverträgen ist, sich zunächst selber zu überzeugen, mit seinem Partner über das Thema zu sprechen. Im zweiten Schritt muss man dann auch noch seinen Partner überzeugen, ebenfalls einen Ehevertrag zu wollen. Das in Erwägung ziehen des Scheiterns der eigenen Beziehung ist leider derart unangenehm, dass viel zu wenige Paare Eheverträge schließen. Selbst mir als Juristin erschien das lange pessimistisch, hölzern und unsexy. Meistens sind es dann später natürlich die Frauen, die nicht nur alleinerziehend, sondern auch arm dastehen. Deshalb ist das Wichtigste an diesem Buch, dass Rike Drust, die so fabelhaft mit Worten umgehen kann, in dieses Buch die Worte reingeschrieben hat, mit denen man seinem Mann erklären kann, wieso ein Ehevertrag gut für die Liebe ist. Kann man auch einfach vorlesen. Diese Worte hätte ich nie allein so finden können und so wird es vielen gehen. Deshalb sollte sich jede Mutter, die zu Gunsten der Kindererziehung ihre Arbeitszeit verkürzt und sich und ihre Kinder noch nicht entsprechend für den Fall einer Trennung abgesichert hat, dieses Buch kaufen. Damit man am Ende nicht Opfer und nicht Arschloch ist, aber vor allem nicht Opfer.

Ein Buch wie ein Kopfstreicheln

Dieses Buch tat mir beim Lesen gut. Und ich behaupte, dass es den meisten Leserinnen so gehen wird. Da Rike so offen aus ihrem Alltag und von ihren Muttergefühlen berichtet, kann man sich immer entweder freuen, dass es bei anderen genauso verquer läuft, wie bei einem selber oder dass es bei anderen noch viel schlimmer läuft.
Und wenn einem nicht gerade das Herz überfließt, weil die Worte, die Rike für die Liebe zu ihren Kindern findet, so treffend sind, dann kann man sich aus vielen Kapiteln auch etwas für sich mitnehmen und vielleicht das Miteinander mit seinen Kindern auch etwas liebevoller und intensiver gestalten. Oder einem ist das alles zu undogmatisch und man regt sich auf, dass alle ständig Netflix gucken. Was man lieber mag.

Muttergefühle in allen Bereichen

In diesem Buch bleibt kaum ein Bereich des Familienlebens mit innerem oder äußerem Konfliktpotential ausgespart: Meckern, Liebe für zwei Kinder, Schlafen, Zuständigkeit bei krankem Kind, Aufklärung, Medienkonsum, Kaiserschnitt, Genderquatsch, Mobbing, Conni, Essen, der Tod, Arbeitsteilung, Duschen, Wüteriche  und natürlich Brettspiele.
Zur Auflockerung kommen dazwischen aber auch immer wieder Kapitel, die gesungen werden müssen. So wie das Danke an die Kitaerzieher, die Ode an die Familie und die Lobpreisung des Mannes.
Überhaupt der Mann. Er kommt nicht mehr so gut weg, wie in Teil 1. Trotz der Eingeschobenen Lobpreisung muss man nicht ständig denken, dass man auch gerne so ein tolles Modell hätte. Hat mir gleich gute Laune gemacht, dass er in diesem Buch auch ein paar Aussetzer hat.

Fazit

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass "Muttergefühle. Zwei" genau wie der erste Teil sehr viel Laune macht beim Lesen. Das erste Buch muss man übrigens nicht gelesen haben, um sich bei "Muttergefühle. Zwei" damenhaft kichernd, den Wein durch die Nase laufen zu lassen.
Für sich selbst kann man aus dem Buch jede Menge mitnehmen, gerade wenn die eigenen Kinder noch jünger sind und man die Kämpfe erst noch fechten muss, von denen Rike berichtet. Ich kann das Buch also allen Kleinkindeltern sehr ans Herz legen. Es hilft, die Dinge entspannter zu sehen und seinen Kindern im Alltag mit mehr Liebe zu begegnen.

Muttergefühle. Gesamtausgabe - Rezension



Muttergefühle. Und dann auch noch in einer Gesamtausgabe.

Wer beim Kauf ein mehrbändiges Buch im Format Brockhaus erwartet, wird sofort sehr enttäuscht oder sehr erleichtert feststellen, dass diese fundamentalen Emotionen in einem Paperback zusammengefasst werden konnten. Die Autorin, Rike Drust, nähert sich dem Thema ohnehin angenehm leichtfüßig, da sie weder Anspruch auf abschließende Vollständigkeit erhebt, noch darauf, die einzig Erleuchtete zu sein. Wer also einen Ratgeber sucht, der einem präzise Anleitungen zur Handhabung eines Kindes und den damit verbundenen mütterlichen Gefühlen an die Hand gibt, sollte nicht zu diesem Buch greifen.

Nicht so richtig zu empfehlen ist das Buch auch für Mütter, die schon zwei oder mehr Kinder haben. Ich hatte das Buch ursprünglich als Geschenk für eine Freundin gekauft, die einen 3jährigen Sohn hat und dann Zwillinge bekam und musste nochmal umdisponieren, nachdem ich aus Versehen reingeschmökert hatte. Wenn man mit mehreren Kindern überhaupt noch Zeit zum selbstbestimmten Lesen findet, wird man sich zwar gut unterhalten fühlen, aber man wird nicht mehr den gleichen Aha-Effekt haben wie als Erstmutter. Eher wird man sich lächelnd und mit leichter Wehmut daran erinnern, wie verrückt alles mal war. Und mit Zwillingen braucht man sowieso etwas Stärkeres.

Auch Schwangeren kann ich nicht empfehlen, das Buch zu lesen, da sie ohnehin nicht glauben würden, dass sie selbst auch einmal ähnlich nah am Rande des Wahnsinns entlang schrammen werden. Klassischer Fall von vergebener Liebesmüh. Sicherheitshalber könnte man es aber schon kaufen und zusammen mit einer Notfallration Schoko-Cookies in der Nachttischschublade verstauen.

Menschen mit bloßem Kinderwunsch ist gänzlich von der Lektüre abzuraten, da sich der Kinderwunsch sonst verflüchtigen könnte.

Absolute Zielgruppe dieses Buches hingegen sind Erstmütter, die sich folgende Fragen stellen:
"Ist mein Leben vorbei?", "Wie bin ich nur Hausfrau und Mutter geworden?", "Mach ich alles falsch?", "Wie bin ich nur in diese Lage gekommen?", "Bin ich verrückt?", "Sind das die Hormone?", "Werde ich jemals wieder eine Nacht durchschlafen?" oder auch "Wieso nur?".

All diese Fragen beantwortet das Buch selbstverständlich nicht, aber man erfährt in wohltuender und äußerst aufmunternder Weise, dass man nicht alleine damit ist. Beim Lesen begleitet man die Autorin sehr amüsant durch die Babyzeit. Dabei ist sie so erschreckend ehrlich, wie man es sich selbst im Gespräch mit Freundinnen nicht immer traut. Manchmal habe ich mich beim Lesen gefragt, wie einer Person (zumal mit nicht unerheblich vielen Tattoos, die von älteren Leuten ja gemeinhin mit Knasterfahrung gleichgesetzt werden) so viele Leute dumm kommen können. Ganz so schlimm war es bei mir tatsächlich nie, aber viele der beschriebenen Situationen hat man dann doch am eigenen Leib erfahren.

Auch der Aufbau des Buches ist hervorragend auf frische Mütter angepasst. Die Kapitel sind um die drei Seiten lang, so dass man abends eins schaffen kann, bevor man ins Koma fällt oder wieder angeschrien wird. Dazu kommt, dass am Ende jeden Kapitels Tipps oder gute Vorsätze von Rike Drust zusammengefasst wurden, die aufzeigen, wie man die jeweilige Situation angehen kann, ohne geistige Gesundheit einzubüßen.

Letztlich ist das Buch allein schon deshalb lesenswert, weil die Art, in der Schwangerschaft und Babyzeit beschrieben werden, zum Schreien komisch ist. Die Sprache des Buches ist derart bildreich, dass man die Autorin eigentlich ständig mit einem Blaulicht auf dem Kopf Nacktradeln sieht und dazu verzückt rufen hört: "ER MACHT DIE BIMMELBAHN! ER MACHT DIE BIMMELBAHN!". Dazu ist auch das Bild im Klappentext sehr nützlich.
Jedes Mal, wenn übergriffige Fremde beschrieben werden, treten in meinem Kopf übrigens Loriot und Evelyn Hamann auf, was die Szenen noch weiter bereichert. Und es gibt seeeehr viele übergriffige Fremde.

Fazit:

Das Buch ist beste Unterhaltung und kann im Wahnsinn der ersten Monate mit Baby Leben und/oder Verstand retten. Daher ist es auch eine echte Geschenkempfehlung, wenn man zur Geburt nicht den 48. Babybody in Größe 56 schenken will (obwohl die schon sehr süß sind), sondern etwas, das der Mutter hilft.

Für mich selber war die Schilderung, was passiert, wenn Väter echte Elternzeit machen und das Kind voll betreuen, eine Erleuchtung. Ich kann jeden verstehen, der in den zwei Monaten Elternzeit, die die meisten Väter machen, verreist und die Zeit gemeinsam als Familie verbringt. Aber ich finde es wirklich toll, wenn der Mann sich ganz der Herausforderung stellt, sich voll um das Kind zu kümmern (und dann auch rumzickt).

Außerdem hat das Buch mich angefixt, nicht doch auszuloten, ob mein Mann nicht auch einen Tag in der Woche die Kinder von der Kita abholen kann. Ich finde es eine schöne Vorstellung, dass sie auch mal einen ganz normalen Tag teilen und nicht nur die Wochenenden an denen oft etwas Besonderes los ist.

Es ist also nicht nur verrückt und aberwitzig, wenn eine normale, Hamburger Frau ihre täglichen Herausforderungen mit Kind beschreibt. Rike Drust reflektiert die eigenen verdrehten und überraschenden Muttergefühle klug und trifft entsprechende Folgerungen, so dass man aus dem Buch viele Anregungen ziehen kann, um gelassener durch den Alltag als Mutter zu gehen. Außerdem ist es einfach schön zu wissen, dass andere Mütter genauso durch den Wind sind, wie man selber.

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