Freitag, 1. Januar 2021

Fit gezockt mit dem Nintendo Ring Fit Adventure (Testbericht)



Werbung - Die Gewinne werden von Nintendo Deutschland zur Verfügung gestellt. Für den Test wurde mir die Nintendo Switch sowie das Ring Fit Adventure leihweise zur Verfügung gestellt.

Endlich echtes Jump'n Run

Nachdem die Sportspiele auf der Nintendo Wii von uns schon begeistert gespielt wurden, kann jetzt auch mit der Nintendo Switch geschwitzt werden. Allerdings ahmt man mit der neuen Generation nicht mehr nur Sportarten nach. Endlich gibt es mit dem Ring Fit Adventure auch ein Abenteuerspiel, bei dem man sich bewegt. Jump'n Run hat eine ganz neue Bedeutung bekommen! Wie bei Super Mario läuft man Level für Level durch verschiedene Welten, in denen man Münzen einsammelt und Gegner besiegen muss. Damit die Konsole die Bewegungen aufzeichnen kann, schnallt man sich einen Controller mit einem Gurt um den Oberschenkel und setzt den anderen in das "Ring-Con" ein. Beides liegt dem Spiel bei.

Das Ring-Con ist eigentlich ein Pilatesring. Eines der Kleingeräte, das im klassischen Pilates verwendet wird. Dieser Ring kann unter nicht unerheblichem Kraftaufwand zusammengedrückt oder auseinander gezogen werden. Er kann aber auch als Abstandhalter oder als Stütze eingesetzt werden. Es war von daher ziemlich schlau von Nintendo, den Ring als Equipment auszuwählen, da er sehr vielfältig für Übungen benutzt werden kann.

Das Abenteuer spielt man mit einem menschlichen Charakter, der den Ring findet. In den Ring war ein schurkischer Drache gebunden, der ihm seine Kräfte gestohlen hat. Wir helfen dem Ring natürlich und jagen mit ihm hinter dem Drachen her. Auf dem Weg trifft man immer wieder Pokemon-ähnliche, an Fitness-Geräte angelehnte Gegner, die man mit verschiedenen Übungen besiegen muss.

Viel Abwechslung

Grundsätzlich bewegt man sich auf der Stelle vor dem Fernseher laufend fort. Es gibt aber auch die Option "leise" zu laufen. In diesem Modus hebt man die Füße nicht an, sondern deutet das laufen nur auf der Stelle an. Das hat nicht nur den Vorteil, dass empfindliche Nachbarn nicht gestört werden. Auch wenn man einen schwachen Beckenboden oder Probleme mit Gelenken hat, kann dieser Modus geeignet sein, weil man schonender trainiert. Mit fortschreitender Reise kommen verschiedene Fortbewegungsarten dazu, wie zum Beispiel Standup-Paddling, so dass es nicht langweilig wird, sich durch das Spiel zu bewegen.

Bei der Auswahl der Übungen, die man nutzt, um die Gegner zu bekämpfen, ist man meist frei, so dass man auch Übungen komplett weglassen kann. Es kommt bei dem Spiel auch nicht nur auf brachiale Armkraft an. Die Übungen sprechen den ganzen Körper an und sind nicht nur auf Kraft, sondern auch auf Balance und Beweglichkeit ausgelegt.
Mit neuen Leveln schaltet man auch immer wieder neue Übungen frei, die man in sein Übungsset einbauen kann. Um zu verhindern, dass man sich mit einer einzigen Übung durch das Spiel kämpft, haben die Übungen eine unterschiedlich lange Reaktivierungszeit. Außerdem macht es Sinn, wenn es Boni für bestimmte Übungen gibt, diese auch zu nutzen. Die Beanspruchung verschiedener Muskelgruppen ist also ganz smart in das Spiel integriert.

Angemessen fordernd

Entsprechend des eigenen Fitnessstands kann man den Schwierigkeitsgrad des Spieles anpassen. Ich kann aber auf jeden Fall sagen, dass es nicht zu einfach ist. In der dritten Welt bin ich bereits am Endgegner gescheitert. Der Drache ist nicht nur ziemlich dick, nein, er bläst auch einfach viel mehr Schaden raus, als man selber. Daher musste ich mein Übungsset taktisch anpassen und mich ausreichend mit Smoothies versorgen, um überhaupt eine Chance zu haben. Während des Abenteuers findet man nämlich Zutaten um sich Smoothies zu mixen, die dann verschiedene positive Wirkungen haben.

Als Ernährungscoach gefällt es mir natürlich, dass in dem Spiel auch die Ernährung mit einbezogen wird. Ohnehin erhält man zwischendurch immer wieder fitness- und gesundheitsrelevante Tipps, gerade beim Stretching vor oder nach dem eigentlichen Spiel.

Mit Level 40 bekommt man, wie man es aus klassischen Rollenspielen kennt, die Möglichkeit, seinen Charakter in bestimmte Richtungen zu formen. Auf einem Skillbaum kann man dann erspielte Punkte einsetzen, um sich weiter zu spezialisieren und weitere Übungen zu erhalten.

Die Familie ist fasziniert

Ein nicht zu vernachlässigender Vorteil dieses Spiels ist, dass die Kinder ganz ruhig zugucken, wenn man zu Hause Sport macht. Bei online Yoga-Sessions werde ich permanent vollgequatscht oder es wird unter mir durch oder über mich drüber geklettert. Jetzt werde ich gerne morgens schon gefragt, ob ich heute noch "Fledermaus-Sport" mache. Vielleicht muss Nintendo noch an der Optik von Endboss "Drako" feilen.

Kindern macht das Spiel natürlich auch großen Spaß, aber man sollte darauf achten, dass sie sich nicht überfordern. Grundsätzlich bin ich kein Freund davon, dass Kinder mit mehr als dem eigenen Körpergewicht trainieren. Aber die spielerische Komponente motiviert natürlich auch Kinder ungemein, sich zu bewegen. Da die Intensität mit dem Pilatesring aber vor jedem Training individuell angepasst wird, können Kinder auf dem niedrigsten Level ab ungefähr (!) 7 oder 8 Jahren die Übungen mit dem Ringcon auch schon ausführen. Das kann je nach körperlicher Entwicklung natürlich sehr unterschiedlich sein. Als Eltern solltet ihr darauf achten, dass die Kinder nicht zu lange spielen und nicht über ihre Grenzen gehen.

Trainingskontrolle

Durch die Sensoren in den Controllern kann eine schlechte Übungsausführung bis zu einem gewissen Grad von dem Spiel angemahnt werden. Allerdings können klassische Probleme wie Pressatmung, hochgezogene Schultern oder zu wenig Bauchspannung natürlich nicht korrigiert werden. Im Vergleich zum klassischen Homeworkout, wo keinerlei Korrektur stattfindet, ist es aber bereits ein Vorteil, dass Bewegungsradius und Geschwindigkeit überwacht wird.
Ein nettes Gimmick ist, dass man nach dem Training über die Controller den Puls kontrollieren kann.

Der Ring-Con kann darüber hinaus auch zum ganz normalen Pilates Matworkout verwendet werden, so dass man sich die Anschaffung eines Pilatesrings sparen kann. Es ist aber auch möglich offline Boni für das Spiel zu sammeln, indem man das Ring-Con bis zu 500mal zusammendrückt. Das geht ganz einfach nebenbei im Homeoffice, auf der Couch oder in der Küche.

Motivationsboost

Gerade jetzt, wo alle Sportvereine und Fitnessstudios geschlossen sind, wir ständig zu Hause sind, viel zu viel fernsehen und vor dem Rechner hängen, ist das Ring Fit Adventure eine super Alternative. Sitzen ist schon lange das neue Rauchen und einer der größten Vorteile dieses Spiels ist, dass der Gamingfaktor die sportlichen Anstrengungen in den Hintergrund treten lässt. Ich gebe das natürlich nur ungern zu, aber es fällt einfach viel leichter anzufangen, etwas zu zocken, als sich zum Sport aufzuraffen.

Corona fordert ein Umdenken – Klimaschutz auch!



Dieser Text warTeil der Blogparade von Mumandstillme.

Coronakrise > Klimakrise

Wir schreiben das Jahr 2020 und das öffentliche Leben ist wegen der Corona-Krise weitgehend runtergefahren worden. Versammlungen wurden untersagt, Geschäfte, Schulen und Kindergärten wurden geschlossen. Innerhalb kürzester Zeit wurden einschneidende Maßnahmen getroffen, damit das Gesundheitssystem nicht zusammenbricht und viele tausend Menschen sterben. Ob die Maßnahmen ausreichen, wissen wir am heutigen Tage noch nicht.

Über Klimaschutz hört man dieser Tage kaum etwas. Wenn dann sind es positive Nachrichten, wie dass die Luftqualität in China sich drastisch verbessert hat, das Wasser in der Lagune von Venedig glasklar ist oder dass an den menschenleeren brasilianischen Stränden seltene Meeresschildkröten schlüpfen.
Ansonsten scheint der Klimaschutz hinter den alltäglichen Sorgen der Menschen in den Hintergrund zu rücken. Klar, wenn die eigene Gesundheit oder die der Liebsten bedroht ist, kann man an wenig anderes denken. Genauso wenn man nicht weiß, ob man sein Unternehmen weiter betreiben kann oder die Miete nächsten Monat bezahlen kann.

Jede Krise muss wie eine Krise behandelt werden

Wenn man auf den sozialen Medien die Profile von Klimaaktivistinnen wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer verfolgt, kann man eine sehr verständliche Frustration spüren. Die Corona-Krise wird wie eine veritable Bedrohung behandelt, während Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise verschleppt werden, weil die Auswirkungen nicht im gleichen Maße spürbar sind. So hat Greta Thunberg am 11. März 2020 auf Instagram geschrieben:

"We can’t solve a crisis without treating it as a crisis and we must unite behind experts and science.‬ This of course goes for all crises."
(Wir können eine Krise nicht lösen ohne sie wie eine Krise zu behandeln und wir müssen uns hinter Experten und Wissenschaftlern zusammenschließen. Das gilt natürlich für alle Krisen.)

Es ist frustrierend

Bezüglich des vorherigen Verhaltens der Bundesregierung im Angesicht der Klimakrise, ist es geradezu unbegreiflich, wie die Wirtschaft derzeit zurückstehen muss und staatliche Milliardenbeträge im Zuge der Coronakrise bereitgestellt werden. Wieso wird denn nicht auf Wissenschaftler wie die Scientists 4 Future gehört, wenn sie vor einer Gefahr für die menschliche Gesundheit durch die Auswirkungen der globalen Erwärmung warnen?
Sie warnen übrigens auch lange schon vor den indirekten Folgen der globalen Erwärmung. Dazu gehören unter anderem Ernährungsunsicherheit und die Verbreitung von Krankheitserregern und ‑überträgern.
Momentan können sich wahrscheinlich alle sehr gut ausmalen, welche Szenarien uns drohen. Dass das auch nicht gut für die Wirtschaft wäre, versteht sich von selbst.

Die Coronakrise zeigt einfach sehr deutlich, dass es möglich wäre, der Klimakrise mit effektiven Maßnahmen zu begegnen, es aber politisch nicht gewollt ist. Ich finde das wahnsinnig frustrierend. Die entsprechenden Maßnahmen würden nicht halb so schwer in das tägliche Leben von uns allen einschneiden, wie der Lockdown, den wir gerade erleben.

Und was mach ich?

Natürlich frage ich mich auch immer wieder, was ich am besten tun kann, um meine und die Zukunft meiner Kinder etwas positiver zu gestalten. Seit einiger Zeit merke ich, wie die Kinder (unter normalen Umständen) weniger meiner Zeit beanspruchen. Dadurch öffnen sich für mich wieder Freiräume. Tatsächlich habe ich lange überlegt, ob ich mich politisch engagieren soll. Aber die extremen Drohungen und die Feindseligkeiten, die Frauen entgegengebracht werden, die sich öffentlich engagieren, schrecken mich derzeit ab. Nicht einmal, weil ich Angst hätte, sondern weil es mich unverhältnismäßig wütend macht. Ich muss vermutlich einfach noch älter werden, um so etwas gelassener handlen zu können. In den Kommentarspalten von Nachrichtenseiten bin ich schon dazu übergegangen Trollen nur noch ein "+1" zu gönnen.

Cradle to Cradle

Nachdem Politik also ausfiel, habe ich mich dazu entschieden, mich in der Hamburger Regionalgruppe von Cradle to Cradle zu engagieren. Vor zwei Jahren habe ich einen Flyer auf dem Hamburger Heldenmarkt bekommen und all die lange Zeit lag der hier, weil ich das Konzept für spannend und zielführend halte.

Cradle to Cradle ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich für eine konsequente und durchgängige Kreislaufwirtschaft einsetzt. "Cradle to Cradle" bedeutet wörtlich übersetzt "Von der Wiege zur Wiege". Bisher werden Rohstoffe der Erde entnommen, ein Produkt wird erzeugt, es wird weggeworfen und eventuell überlegt am Ende noch jemand, wie aus diesem Müll noch unter hohem Aufwand Rohstoffe (von meist minderwertiger) Qualität wiedergewonnen werden kann. Ein Zyklus von der Wiege ins Grab. Bei einem Zyklus von der Wiege zur Wiege wird gleich beim Produktdesign angesetzt und schon von Beginn an überlegt, wie die Materialien am Ende des Produktlebens zur Gänze wiederverwertet werden können. Dies umfasst die Nutzung erneuerbarer Energien und Vermeidung der Verwendung von Stoffen, die für Mensch und Umwelt schädlich sind. Folgekosten werden also gleich bei der Entwicklung eines Produkts in Ansatz gebracht und weitestgehend vermieden.

Es ist eine positive Denkweise, die erstmal alles für möglich hält und der Menschheit -trotz allem- viel zutraut. Es wird sich nicht damit zufrieden gegeben etwas weniger schlecht zu machen, wenn man es auch gut machen könnte. Das finde ich rundweg sympathisch und kann damit gut arbeiten.

https://youtu.be/g1tIGLy3PHw

Change the system

Natürlich ist es gut, wenn jeder im täglichen Leben und im eigenen Haushalt darauf achtet, sich umweltschonend zu verhalten. Ich halte es aber für unbillig, allein dem Verbraucher die Verantwortung für Klima- und Umweltschutz aufzubürden. Außerdem sind die Auswirkungen zu gering. Vielmehr ist ein Umdenken in der Industrie notwendig, um wesentliche Änderungen zu erreichen.

An diesem Punkt setzt Cradle to Cradle an, in dem die NGO Öffentlichkeitsarbeit für konsequente Kreislaufwirtschaft macht. Es wird an Schulen, bei Veranstaltungen, bei Talks und Diskussionen berichtet, wie es gelingen kann, dass Menschen Nützlinge auf diesem Planeten werden und ihm (und sich selber) nicht immer weiter schaden. In den Regionalgruppen finden sich Aktive aller Fachrichtungen zusammen. Als Juristin und Fitnesstrainerin bin ich zwar eine Exotin in unserer Regionalgruppe, aber natürlich kann ich auch etwas beisteuern und sei es nur Social Media Expertise. Es ist aber auch eine Stärke von Cradle to Cradle, dass sich nicht nur (aber auch) Chemiker, Physiker und Umwelttechniker zusammen tun, sondern interdisziplinär gedacht wird.

Thematisch arbeiten

Bei Cradle to Cradle gibt es neben den Regionalgruppen weitere überregionale, themenspezifische Bündnisse. Besonders aktiv ist zum Glück das "Bündnis Bau und Architektur", denn laut Statistischem Bundesamt fällt mehr als die Hälfte des Abfalls in Deutschland in der Bauindustrie an.
Dadurch dass ich selber nähe, interessiere ich mich aber für Textilverarbeitung und Fair Fashion. Daher habe ich mich dem "Bündnis Textil" angeschlossen. Als interessierter Laie muss ich mich da aber definitiv noch weiter reinhören und -lesen.

Gute Energie

Persönlich finde ich extrem bereichernd, wieder Teil einer Gruppe zu sein, die zusammen für ein gemeinsames Ziel arbeitet. Ich war schon immer in meinen Sportvereinen aktiv oder in Arbeitsgemeinschaften in Schule oder Uni. Während der Zeit mit Kleinkindern ist mir das unmerklich weggebrochen. Zum Vermissen war aber auch keine Zeit. Umso froher bin ich, jetzt wieder etwas gefunden zu haben, wo ich mich in einer Gruppe gleichgesinnter engagieren kann. Momentan habe ich noch eine 6-monatige Schnuppermitgliedschaft, aber ich kann mir gut vorstellen, darüber hinaus weiter daran mitzuarbeiten, Hamburg nachhaltiger aufzustellen.

Klimaschutz vor Ort

Nebenbei lernt man übrigens auch viel über die eigene Stadt. Nicht nur, weil man mit vielen spannenden Menschen zusammenkommt, sondern auch weil die Cradle to Cradle-Regionalgruppe mit vielen weiteren Initiativen vernetzt ist. Von vielen habe ich vorher noch nie etwas gehört, obwohl oft extrem innovative, inklusive, wertschätzende und/oder nachhaltige Ansätze dahinter stecken. Wenn ihr euch also auch engagieren wollt, empfehle ich euch mal den Kopf in die Aktivisten-Blase zu stecken und euch mitreißen zu lassen!
Für ein ersten Kennenlernen empfehle ich die Aktivoli-Freiwilligen-Börse in Hamburg, den Heldenmarkt oder hört euch doch einfach mal in eurer Nachbarschaft um getreu dem Motto: Think big, act small, start now.

Globaler Klimastreik von zu Hause

Die nächste Aktion, bei der man ganz einfach von zu Hause aus mitmachen kann, ist der globale Klimastreik von Fridays for Future. Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu reduzieren und gerade auch die älteren Teilnehmer der Bewegung zu schützen kann der Protest nicht, wie gewohnt auf die Straße getragen werden. 

In Zeiten des physical distancing streikt man eben online. Tragt euch hier in die Streikkarte ein und hängt am 24.04. euer Plakat oder Transparent gut sichtbar am Fenster, am Balkon, am Briefkästen, am Arbeitsplatz oder im Ladeneingang auf. Ein Bild davon platziert ihr dann einfach noch auf Facebook, Instagram oder Twitter und schon seid ihr dabei beim #NetzstreikFürsKlima.

„Vom Wochenbett zum Workout“ von Juliana Afram – Rezension



Das Rezensionsexemplar von "Vom Wochenbett zum Workout" von Juliana Afram wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom Trias Verlag zur Verfügung gestellt. Mithin Werbung.

Not macht wissbegierig

Immer wieder hat man den Eindruck, dass Frauenheilkunde in der Medizin stiefmütterlich behandelt wird. Oft werden Leiden nicht erkannt, verharmlost oder nur unzureichend behandelt.
Auch Juliana Afram ist aus eigener Betroffenheit Expertin für Rückbildung, Beckenboden und postpartales Training geworden. Die Ratschläge, die sie von ihrem Gynäkologen nach den Geburten ihrer beiden Kinder erhielt, waren völlig unzureichend und teilweise falsch. Gerade nach der ersten Geburt kann man selber schlecht Einschätzen, ob die Rückbildung normal verläuft. Natürlich richtet man sich dann nach der Empfehlung seines Arztes. Dass Frauenärzte nur leider in dieser Beziehung oft nicht auf dem Stand der Wissenschaft sind, sagt einem keiner. Aber natürlich hängt das, wie in jedem anderen Beruf, auch von den Interessen und der Fortbildungsbereitschaft des Arztes ab.

Deswegen begrüße ich dieses Buch besonders, weil es ein Grundwissen vermittelt, das jede Mutter haben sollte. Damit ist man nämlich in der Lage, selber grob einzuschätzen, ob man sich weitere Hilfe bei einer Hebamme, einer Osteopathin, einer Physiotherapeutin oder in einem Beckenbodenzentrum suchen sollte. Irgendwann möchte man schließlich wieder beim beschwerdefreien Workout ankommen.

Stetige Veränderung

Im Buch werden alle Veränderungen, die der weibliche Körper während der Schwangerschaft und nach der Geburt durchläuft, nicht nur aufgezählt, sondern auch eingängig erläutert.
Anhand von Schautafeln kann man sehr gut nachvollziehen, was für eine Meisterleistung unser Körper in diesen 10 Monaten vollbringt. Ungewohnt ist es, dass die Frauen auf den Schautafeln unterschiedliche Hautfarben haben. Es ist aber längst an der Zeit, dass sich die reale Diversität auch in wissenschaftlichen Abbildungen wiederfindet.

Hands on - Juliana Afram beim Ertasten einer Rektusdiastase

Rückbildung der Gebärmutter

Im Buch finden sich auch Informationen zur Rückbildung des Uterus. Normalerweise überprüft das die Nachsorgehebamme. Allerdings erklärt nicht jede Hebamme bei der Überprüfung, was da gemacht wird. Immer öfter finden Schwangere auch gar keine Hebamme mehr für die Nachsorge. Es herrscht auch der Irrglaube, dass die Nachsorgehebamme nur die Entwicklung des Säuglings überwacht. Sollte man also in der misslichen Lage sein, keine Hebamme zu haben, die einen im Wochenbett aufsucht, hat man mit diesem Buch zumindest eine Übersicht, wie die Gebärmutter sich zurückbilden sollte. Ob man das selber gut ertasten kann und möchte, ist dann natürlich die nächste Frage.

Hebammentipps

Ohnehin ist eine Hebamme im Wochenbett nicht durch ein Buch zu ersetzen. In diesem Buch finden sich aber viele Tipps und Hinweise, die einem eigentlich die eigene Hebamme geben sollte. Es ist tatsächlich auch nicht doof, wenn man sie vor dem Wochenbett schon einmal gelesen hat, damit man eine ungefähre Vorstellung hat, was einen erwartet. Beim Lesen hilft es, dass Juliana Afram einen lockeren und zeitgemäßen Schreibstil hat, den ich oft in Geburts- und Beckenboden-Literatur vermisse. So fühlt man sich zumindest nicht gleich wie zur Ü50-Liga gehörend.

Beckenboden im Fokus

Dem Beckenboden wird in diesem Buch selbstredend ein wichtiger Abschnitt eingeräumt. Seine Funktion und sein Aufbau werden sehr umfassend und anhand anatomischer Schautafeln beschrieben. Die Übungen für das Wochenbett starten mit Wahrnehmungsübungen und die Autorin erläutert auch den Einfluss der Atmung auf den Beckenboden. Hier merkt man, dass Juliana auch Pilates-Trainerin ist. Da der Beckenboden aber auch im direkten Zusammenspiel mit dem Zwerchfell arbeitet, macht das durchaus Sinn.
Dementsprechend sind unter den ersten Übungen viele Atemanleitungen, aber auch Klassiker aus dem Rückbildungskurs wie die "Becken-Uhr".

Juliana Afram

Massage der Kaiserschnittnarbe

Toll finde ich übrigens, dass genau erläutert wird, wie eine Massage der Kaiserschnittnarbe funktioniert und worauf man dabei achten sollte. Aus eigener Erfahrung kann ich nämlich sagen, dass diese Techniken einem Gutteil der Kaiserschnittpatientinnen weder in der Klinik, noch von der Hebamme oder Frauenärztin gezeigt werden.

Muskuläre Zusammenhänge

Ein weiterer großer Part widmet sich der Bauch- und Rückenmuskulatur, der hüftstabilisierenden Muskulatur, den Füßen und dem jeweiligen Einfluß auf Eure Stabilität und Statik. Wahrscheinlich werdet Ihr nie einen Rückbildungskurs finden, in dem Euch diese körperlichen Zusammenhänge so detailliert vermittelt werden. Überhaupt ist "Vom Wochenbett zum Workout" ein modernes Buch, in dem nicht nur "vorgeschrieben", sondern auch viel erklärt wird.

Worüber niemand gerne spricht

Auch werden viele Beschwerden in diesem Buch behandelt, unter denen Mütter nach einer Entbindung leiden können. Das Kapitel muss man sicherlich nicht schon während der Schwangerschaft verinnerlichen. Wenn man aber postpartum unsicher ist, ob man sich mit Schmerzen, einer Rectus Diastase oder zum Beispiel auch Inkontinenzproblemen Hilfe holen sollte, findet man hier viele informative Tipps. Dieses Wissen hilft einem auch gegenüber Fachleuten zu bestehen, die einen nicht ernst nehmen oder die Beschwerden leichtfertig abtun. Das passiert leider immer noch extrem oft, weil den Rückbildungsprozessen -anders als Schwangerschaft und Geburt- nicht die entsprechende Wichtigkeit zugemessen wird.

Work it!

Die Übungen nehmen in diesem Buch selbstverständlich den Hauptteil ein, damit man auch irgendwann wieder beim Workout ankommt. Wie der Titel verspricht geht es bei Beckenbodenwahrnehmung und Training für das Wochenbett los, führt dann über Rückbildungsübungen weiter, bis hin zum sanften Wiedereinstieg in den Sport. Für den Start ins Workout finden sich in dem Buch viele klassische Pilatesübungen, aber auch einige Vorschläge, um wieder ins Krafttraining und in den Ausdauersport einzusteigen. Insgesamt also ein rundes Paket, das einem enorm hilft, die eigene Mitte wieder zu stärken und sich für neue sportliche und familiäre Aufgaben fit zu machen.

Fazit

Da Hebammen für Rückbildungskurse nur sehr gering von den Krankenkassen entlohnt werden, wird das Angebot in Hamburg trotz steigender Geburtenzahlen immer knapper. Mittlerweile muss man sich schon für einen Rückbildungskurs anmelden, bevor man überhaupt sein Baby im Arm hält. Für alle Frauen, die keinen Platz in einem Rückbildungskurs finden konnten oder sehr lange auf einen Platz warten müssen, ist ein Buch mit Rückbildungsübungen natürlich eine super Hilfe. Aber auch wenn man zu Hause ergänzend zum Rückbildungskurs trainieren möchte, ist das Buch zu empfehlen.
Die Übungen sind alle sehr nachvollziehbar beschrieben und fast sämtlich bebildert. Damit sollte es beim Training keinerlei Probleme geben. Ergänzend findest du auf der Homepage von Juliana Afram The Center viele informative Videos und auch einen Online-Kurs für mehr Beckenbodenglück, wenn einem das Buch alleine nicht ausreicht.

Klappentext

Wenn es an diesem Buch etwas zu kritteln gibt, ist es, dass es für Laien nicht ganz leicht verständlich ist. Trotz Julianas lockerer Schriftsprache ist das Buch im Informationsteil an der Grenze zum Fachbuch. Viele medizinische und anatomische Fachbegriffe werden zwar bei der ersten Erwähnung erläutert. Wie beschrieben ist das Buch auch gut und reichlich bebildert. Trotzdem ist es nicht leicht zu lesen, wenn man nicht vom Fach ist. Ich kann mir vorstellen, dass man die Namen der Knochen bestimmt immer mal wieder durcheinander bringt und auch Begriffe wie "Fundusstand" oder "Palpationspunkt" sind umgangssprachlich nicht gerade gebräuchlich.
Allerdings werden viele Mütter, ähnlich wie die Autorin selbst, mit der Zeit nahezu Expertinnen auf diesem Gebiet. Gerade wenn man Beschwerden hat, ist man oft gezwungen, sich selber in die Materie einzuarbeiten.

Mit diesem Buch hat man aber sicherlich ein umfassendes Werk zu Hause, wo man immer wieder nachschlagen kann, wenn eine Frage aufkommt. Das ist gegenüber einer ungezielten Internetsuche deutlich zu empfehlen, da leider im Netz viele dubiose medizinische Informationen kursieren.

"Vom Wochenbett zum Workout" ist eine Sammlung der geballten Informationen, die Schwangere und Mütter bei entsprechendem Bedarf von ihren Ärzten und Hebammen erhalten sollten. Leider erhalten in der Praxis nur die allerwenigsten Mütter alle für sie wichtigen Informationen. Daher war es an der Zeit, dass Juliana dieses Buch geschrieben hat.

Ein Winterwochenende in Berlin

 


Günstige Me-Time

Grundsätzlich bin ich völlig frei von Anflügen schlechten Gewissens, wenn ich ein Wochenende ohne Mann und Kinder verbringe. Das ist Zeit, die wichtig für mich ist, um aufzutanken und mich mal um mich selbst zu kümmern.
Allerdings habe ich schon Bedenken für solche Trips übermäßig viel Geld auszugeben. Einerseits weil ich allein unterwegs bin und andererseits ist die Reisekasse natürlich strapaziert, seit wir als Familie in den Schulferien verreisen müssen.

Zum Glück habe ich eine Freundin, die aus Berlin kommt und deren Eltern noch in Kreuzberg wohnen. Wir haben also kurzer Hand ihre Eltern gefragt, ob wir im Winter mal bei ihnen wohnen dürfen, wenn sie unterwegs sind. An einem sehr grauen Januar-Wochenende war es dann soweit!

Entspannung ist Konsens

Ich habe seit Wochen eine Stirnhöhlenentzündung mit mir herumgetragen und meine Freundin hat die ganze Woche vorher kranke Kinder gepflegt. Es war also klar, dass wir ganz entspannt machen und nicht die Clubs abreißen würden. Alles was draußen stattfindet, konnte man bei Kälte und Nieselregen sowieso vergessen. Trotzdem muss man natürlich Dinge tun, die man mit Kindern nicht machen kann, wenn man schon mal kinderfrei hat. Wir haben uns auf Ausschlafen, Museen, Saunieren, Bummeln, unterbrechungsfreies Klönen und dann wieder Ausschlafen geeinigt.

Durch die schnelle ICE-Verbindung von Hamburg-Altona nach Berlin war ich innerhalb von zwei Stunden ganz entspannt in Berlin. Weil meine Freundin erst abends aus Leipzig angereist ist, bin ich erstmal allein in die Bauhaus-Ausstellung in der Berlinischen Galerie gegangen.

Es ist schon etwas anderes, ob man alleine in ein Museum geht oder mit Kindern. Zwar hatte die Ausstellung eine ganz tolle Station, an der man selber ganz leicht künstlerisch tätig werden konnte und die auch den Kindern Spaß gemacht hätte. Aber in seinem eigenen Tempo die Exponate anzuschauen und Dinge in Ruhe zu lesen, habe ich wirklich genossen.

Tatsächlich ist mir aber aufgefallen, dass ich überhaupt nicht weiß, was in Hamburger Museen gerade so los ist, weil ich es kaum noch schaffe, mich zu Hause auch mal darum zu kümmern.

Fancy muss man früher reservieren

Danach habe ich meine Freundin in Kreuzberg getroffen und wir haben die Wohnung bezogen. Eigentlich wollten wir uns in einem koreanischen Restaurant treffen, aber da waren schon am Vortag keine Reservierungen mehr möglich. Beim Japaner in der Nähe hätten wir auch nur noch Plätze an der Bar haben können, so dass wir dann einfach schräg gegenüber ins "Bastard" gegangen sind. In Berlin sollte man also rechtzeitig reservieren. Da saßen wir dann auch ganz gemütlich bei Rotwein und Tapas und haben uns wieder auf den neuesten Stand gebracht.

Das Ausschlafen hat auch phänomenal funktioniert. So eine Privatwohnung ist da auch einfach deutlich besser für geeignet als ein Hotel, wo irgendwann immer die Nachbarn mit den Türen knallen. Außerdem kann man im Pyjama frühstücken.

Bikini-Wetter

Nachdem wir den wichtigsten Punkt abgehakt hatten, wollten wir dann eigentlich eine Jeans für meine Freundin kaufen. Mit Kindern ist Jeans kaufen immer eine Qual, weil sie keinen Bock haben zu warten und im besten Fall auch noch unqualifizierte Kommentare abgeben. Online ist auch doof, weil man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit was zurückschicken muss. Wir waren dann auch in einem Laden mit toller Auswahl an fairen Bio-Jeans, aber ihre Größe gab es trotzdem nicht. Natürlich.

Dann sind wir ins Bikini Berlin gefahren. Das Bikini ist ein Einkaufszentrum am Breitscheidplatz, das ganz viele Pop Up- und Flagshipstores und einen Foodcourt beherbergt. Das Bikinihaus ist übrigens auch archtektonisch interessant, weil es ein denkmalgeschütztes Gebäude aus den 50ern ist, das entkernt und aufwändig umgebaut wurde. Eigentlich wollte ich mir Schuhe kaufen, habe aber keine gefunden. Natürlich.
Wir sind dann auch ganz entspannt durch die Geschäfte gebummelt und haben da endlich auch was Koreanisches zu essen bekommen.

Auf dem Nachhauseweg sind wir in Kreuzberg noch bei der Bravo Bravko Kuchenwerkstatt vorbeigegangen. Da war es aber brechenvoll, so dass wir uns das köstliche Backwerk dann einfach in unserer gemütlichen Dachgeschosswohnung gegönnt haben.

Auftauen und Abtauchen

Am Abend haben wir uns ins Liquidrom aufgemacht. Das Liquidrom liegt unter dem Tempodrom, einer Veranstaltungshalle, und ist genau das richtige im Winter.

Dort gibt es ein Solebecken, in dem man sich einfach treiben und den Unterwassersounds lauschen kann. Dazu gibt es mehrere Saunen, Dampfbäder und die Möglichkeit, sich sich eine Massage zu buchen. Aber auch ohne Massage waren wir fast vier Stunden bis kurz vor Mitternacht da und es war herrlich. Sowohl für meine Stirnhöhle, wie auch für meine verklebten Faszien war das derart wohltuend, dass es auch ein kleiner Wellness-Urlaub war.

Dementsprechend gut und lange haben wir danach auch geschlafen.

Schön und schöner

Am Sonntag, als das Wetter besonders grässlich war, haben wir das Bröhan-Museum besucht. Als erstes wurde ich mit Berliner Charme darüber informiert, dass man in überhaupt keinem Museum nirgendwo auf der Welt einen Trolley abgegeben könne. Zum Glück hat eine andere Besucherin mir gesteckt, dass das auf der anderen Straßenseite in der Sammlung Scharf-Gerstenberg sehr wohl gehe. Eigentlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon gar keine Lust mehr wieder zurückzugehen. Aber "Nordic Design - Die Antwort aufs Bauhaus" hat dann doch "Lebenskleckse -Todeszeichen, Horst Janssen zum Neunzigsten" geschlagen.

Die Ausstellung hat mir ausnehmend gut gefallen. Die sehr ausführliche Führung konnten wir uns leider aus Zeitnot nicht ganz zu Ende anhören. Aber es war spannend in den Zeitgeist des letzten Jahrhunderts einzutauchen und die Designklassiker zu sehen, die sich daraus entwickelt haben.

Im Bröhan-Museum gibt es übrigens immer sonntags auch eine Werkstatt, wo man analog zu den Ausstellungen selber Werkstücke gestalten kann. Leider war auch das mit unseren Zugtickets nicht vereinbar. Aber immerhin konnten wir uns noch die Jugendstil- und Art Deco-Stücke ansehen, die das Bröhan-Museum ständig beherbergt. Da ging mir als 20er-Jahre-Liebhaberin natürlich das Herz auf.

Und vorbei...

So schön das Wochenende auch war, es war auch ganz schnell wieder zu Ende. Meine Freundin und ich sind wieder in die Bahn gesprungen und in entgegengesetzte Richtungen gefahren. Zum Gute-Nacht-Küsschen war ich wieder zu Hause und bin extrem entspannt in die neue Woche gestartet!
Kurzum: Ich kann es Euch nur empfehlen!

"Die Afterwork Familie" von Natalie Klüver (Rezension)



Das Rezensionsexemplar von "Die Afterwork Familie" von Nathalie Klüver wurde mir dankenswerter Weise für die Rezension vom Trias Verlag zur Verfügung gestellt. Mithin Werbung.

Work, work, work

Natalie Klüver, die auf "Eine ganz normale Mama" bloggt, hat wieder ein Buch geschrieben: Die Afterwork Familie! Der Titel trifft so präzise den Zeitgeist, dass es fast schmerzt. Tatsächlich kenne ich gar keine anderen Familien mehr als Afterwork Familien, wenn nicht gerade ein Elternteil Elternzeit macht. Es haben einfach alle einen Job in den sie früher oder später zurückkehren. Trotzdem möchten wir alle in der kurzen Zeit, die uns nach der Arbeit bleibt, eine schöne Zeit mit unserer Familie zu verbringen.

Das ist auch genau das Thema des Buches: Wie es gelingt, die Zeit, die man mit seinen Kindern hat, so zu gestalten, dass nicht alle heulen oder völlig fertig mit den Nerven sind.

Geteilter Erfahrungsschatz

Natalie Klüver hat selbst drei Kinder und kennt sich mit allen Tücken des Alltags aus. Egal, ob Abholen von der Kita, Medienkonsum, Einkaufen, Hausaufgaben, Abendessen oder ins Bett gehen, alle Situationen, die regelmäßig zur Eskalation geeignet sind, werden von ihr beleuchtet. Sie gibt einem konkrete Tipps an die Hand, um bereits im Vorfeld für Entspannung zu sorgen. Fast wichtiger ist aber, dass sie einem sagt, dass es bei allen gleich unberechenbar läuft und man nicht auf ganzer Erziehungslinie versagt hat. Das Buch ist wie ein warmes Kopfstreicheln für alle Mütter, die ihr Bestes geben und dann doch wieder am Verzweifeln sind. Erschöpfung und Verunsicherung, wenn der Tag mal wieder in schlechter Laune endet, sind nicht selten. Dazu kommt dann oft noch ein permanent schlechtes Gewissen gegenüber der Familie und dem Arbeitgeber, weil man das Gefühl hat, niemandem hunderprozentig gerecht zu werden.

"Die Afterwork Familie" nimmt den Druck raus. „Weniger ist mehr“, „Realistisch bleiben“, „Entspann Dich“ und „Gut ist gut genug“. Das sind die Glaubenssätze die einem beim Lesen immer wieder entgegenspringen. Theoretisch weiß man das natürlich eigentlich alles, es kommen aber ja immer wieder Zweifel auf. Bei diesem Elternding macht man ja ständig Sachen zum ersten Mal.

Kinder miteinbeziehen

Mein Lieblingskapitel ist übrigens das darüber, wie es gelingt, Kinder in die Hausarbeit einzubeziehen. Natalie Klüver traut Kindern nämlich viel zu und ermuntert Eltern ihre Kinder zu selbstständigen Personen zu erziehen. In ihrem Buch gibt sie nicht nur praktische Tipps, die auf eigenen Erfahrungen beruhen, sondern streut auch immer wieder interessante Studienergebnisse ein, wie z.B., dass Kinder häufiger im Haushalt mithelfen, wenn auch die Väter im Haushalt mitanpacken.

Besonders gut gefällt mir aber, dass sie immer wieder darauf hinweist, dass gemeinsam verbrachte Zeit nicht nur mit aufwendigem oder kostspieligem Programm Quality Time ist. Auch ganz banale Alltäglichkeiten, wie das gemeinsame Wäsche machen, können eine schöne Zeit sein, die man mit seinen Kindern verbringt. Genau das kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Es dauert etwas länger, wenn die 3-jährige bei der Wäsche hilft, aber sie macht das so lieb und ist so stolz darauf, dass sie hilft und schon Dinge alleine schafft, dass es uns beiden großen Spaß macht. Ich weiß auch noch, dass ich es absolut faszinierend fand, wenn mein Opa samstags das Treppenhaus geputzt hat. Besonders Feudeln gehörte zu meinen absoluten Highlights.
Als Eltern muss man diese Begeisterung natürlich nutzen. Wenn man den Kindern nicht beibringt, wie der Haushalt läuft, solange sie das spannend finden, hat man eigentlich verloren.

Lasst sie Kinder sein

Über viele Dinge, die in diesem Buch gepriesen werden, kann man natürlich geteilter Meinung sein. Tiger Moms werden zum Beispiel überhaupt keine Freude an diesem Buch haben. Nathalie Klüver ist überzeugte Verfechterin davon, Kinder viel frei spielen zu lassen und vertritt diese Überzeugung in Ihrem Buch auch mit der Chuzpe einer Dreifachmutter. Ich habe mich aber auch gefragt, wieso ausgerechnet das Kinderturnen im Buch so schlecht wegkommt, wo ich das doch so wichtig finde. Aber da hat jede Familie natürlich andere Schwerpunkte auf die sie mehr Wert legt.

Kritikpunkt

Eine Sache, die mir aber tatsächlich negativ an dem Buch aufgefallen ist, ist die laxe Einstellung zur Ernährung. Zwar ist der Autorin durchaus bewusst, dass unterzuckerte und aufgedrehte Kinder nicht zu einem entspannten Nachmittag beitragen. Trotzdem wird immer wieder geraten auch schon Kindern im Kita-Alter nachmittags isolierte Kohlenhydrate in Form von Laugen- oder Rosinenbrötchen zu geben.
Tatsächlich ist auch der einzige Tipp in diesem Buch, von dem ich nur abraten kann, der, nach der Kita warmen Kakao als tägliches Ritual einzuführen. Da der Blutzuckerspiegel nach dem Kakao genauso schnell sinkt, wie er zuvor durch die Zuckerinfusion in die Höhe schnellt, ist mit diesem Ritual wenig Entspannung gewonnen.

Fairer Weise muss man sagen, dass Natalie Klüver in anderen Bereichen, wie Medienkonsum wahrscheinlich strenger ist als ich. Aber gerade bei der Ernährung bin ich bereit diesen Kampf zu kämpfen. Ernährungsgewohnheiten begleiten einen oft durch das ganze Leben. Nicht ohne Grund sind in Deutschland Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten auf dem Vormarsch. Man tut Kindern einfach keinen Gefallen damit, wenn man nährstoffarme Lebensmittel in tägliche Gewohnheiten einbindet.

Fazit

Insgesamt ist das Buch supergut zu lesen. Es hat mutterfreundlich kurze Kapitel, gibt einem ganz konkrete Tipps für mehr Struktur im trubeligen Alltag an die Hand und nicht zuletzt lernt man auch noch einmal sehr viel über das Denken und Verstehen der Kinder. Überhaupt werden die Kinder in diesem Buch sehr liebevoll betrachtet. Ich kann also wirklich jedem, der arbeitet und Kinder hat, empfehlen dieses Buch zu lesen, wenn es im Familienalltag ab und zu knirscht. Es liefert sehr wertvolle Ansätze, um die gemeinsame Zeit für alle entspannter zu gestalten.

Leben retten mit der DKMS - Interview mit Dr. Jennifer Wuchter (Teil 2)



Im ersten Teil der Interviews hat Jenny schon wahnsinnig viel zu ihrem Job bei der DKMS erzählt. Sie hat aber auch selber schon Stammzellen für einen Blutkrebspatienten gespendet. Als ich mich bei der DKMS registriert habe, habe ich mir tatsächlich wenig Gedanken darüber gemacht, wie man überhaupt Stammzellen spendet - haben andere schließlich auch schon geschafft. Deswegen hatte ich aber jede Menge Fragen an Jenny zum eigentlichen Prozedere.

Dr. Jennifer Wuchter

Was passiert genau bei der Stammzellenspende?


Erzähl uns doch mal wie genau das abläuft, nachdem ich meinen Abstrich an der Mundschleimhaut gemacht habe und mein Wattestäbchen an die DKMS geschickt habe. Jetzt habe ich vielleicht jahrelang nichts gehört und was passiert dann?

Es gibt irgendwo einen Patienten mit der Diagnose Blutkrebs und der braucht einen Spender. Der Arzt wendet sich dann erst an das zentrale Knochemarkspenderregister (ZKRD) und startet eine Suche nach einem Spender mit den Humanen Leukozytantigen-Merkmalen (HLA-Merkmale) des Patienten. Wenn die Suche erfolgreich ist, kann das ZKRD dem Arzt z.B. sagen, dass es 5 Spender bei der DKMS und zwei Spender bei der Stefan-Morsch-Stiftung gibt. Der Arzt bekommt dann zunächst nur den Übereinstimmungsgrad der HLA-Merkmale und weitere Informationen, wie die Blutgruppe (die muss nicht übereinstimmen, es ist aber besser) mitgeteilt. Anhand dieser Merkmale wählt der Arzt den Spender aus, der am besten passt. Dann kontaktiert das ZKRD die DKMS, weil nur die DKMS die persönlichen Daten des Spenders hat.
Jetzt wirst du von der DKMS kontaktiert.
Du bekommst die Information, dass es eine Übereinstimung gibt und wirst gebeten eine Blutprobe abzugeben und den medizinischen Fragebogen auszufüllen. Dann wird von den Ärzten der DKMS geprüft, ob der Spender prinzipiell gemäß Fragebogen zu einer Spende zugelassen werden kann. Dazu wird die Blutprobe unabhängig komplett durchtypisiert, für alle Merkmale, die schon bei der Aufnahme typisiert wurden. Hier sollen Fehler ausgeschlossen werden und es werden Infektionsmarker gemacht, so dass eine Infektion mit HIV, Syphilis, Hepatitis B und C etc. ausgeschlossen wird.
Wenn das alles in Ordnung ist, bekommt der Arzt eine Mitteilung, dass die Merkmale bestätigt wurden und der Spender prinzipiell spenden kann.

Dann muss sich der Arzt entscheiden, welchen Spender er haben möchte und es geht in die wirkliche Spendenvorbereitung. Die DKMS kontaktiert dich dann wieder, dass ganz konkret du als Spender ausgewählt worden bist. Die weitere Spendenorganisation läuft auch komplett über die DKMS. Es wird ausgemacht, in welcher Klinik die Spende erfolgt. Dabei kommt es darauf an, ob Knochenmark angefragt wurde oder über die periphere Methode gespendet werden kann, weil nicht in jeder Klinik beides möglich ist. Es wird aber immer versucht, so wohnortnah wie möglich eine eine Klinik zu finden. Es gibt aber zwei große Zentren in Köln und in Dresden, die sich auf Stammzellenentnahme spezialisiert haben. Für den Spender wird alles organisiert, von der Anreise über das Hotel bis zum Kliniktermin.

In der Klinik gibt es dann eine Voruntersuchung, bei der der entnehmende Arzt dich noch einmal auf Herz und Nieren prüft.

Es kommen auf den Spender also keinerlei Kosten zu und alles wird von der DKMS für ihn organisiert.

Wie fühlt es sich an?

Wie war das bei deiner eigenen Spende? Hast du Knochenmark gespendet?

Nein, ich habe über die periphere Methode gespendet. Zur Entnahme war ich in Tübingen und dort habe ich dann bei der Voruntersuchung den Ablauf nochmal genau erklärt bekommen. Ich habe bereits dieses Medikament erwähnt, das man bei der peripheren Methode bekommt. Das sind Spritzen, die man sich gibt, wie so kleine Thrombose-Spritzen.

Die gibt man sich dann, genau wie beim Beinbruch, einfach selber in die Fettfalte am Bauch?

Ja genau, in die Individualschicht *grinst*.
Dieses Medikament kann natürlich auch Nebenwirkungen haben, bzw. die eigentliche Wirkung ist das, was einem die Probleme macht. Du nimmst das Medikament ja, damit sich deine Stammzellen vermehren. Die Stammzellen sitzen im Knochenmark und wenn sie sich vermehren, ist irgendwann einfach weniger Platz im Knochenmark. Die Folge davon ist, dass du Knochenschmerzen bekommst.

Ist das so ähnlich, wie die Wachstumsschmerzen, die man früher als Kind hatte?

Na ja, vielleicht so ein Zwischending aus Wachstumsschmerzen und Gliederschmerzen. Du merkst aber schon, dass es der Knochen ist. Vor allen Dingen im Kopf, weil der Schädelknochen extrem viele Stammzellen hat und aber auch das Brustbein und die Rippen. Das ist dann wie ein Druck, der dort entsteht.
Man kann sich dann krankschreiben lassen, viele arbeiten aber auch weiter - ich auch. Es ist aber auch möglich, ganz normale Schmerzmittel zu nehmen, wenn es einem zu viel wird. Es ist aber auch absolut auszuhalten, das ist wirklich nicht so tragisch.

Aushalten können Mütter ja. Also nicht schlimmer als eine Schwangerschaft?

Nein, um Gottes Willen! (Wir müssen beide lachen.)

Am fünften Tag der Medikamentengabe bin ich dann in die Klinik gegangen und habe die Zugänge gelegt bekommen. Auf der einen Seite fließt das Blut raus in die Maschine und auf der anderen Seite fließt es zurück zu einem. Das ganze dauert so ungefähr sechs Stunden, je nachdem wie viele Stammzellen gebraucht werden. Ich als kleine, leichte Person habe z. B. für einen 100-Kilo-Mann gespendet und man berechnet die Zellzahl die er braucht pro Kilogramm Körpergewicht. Es gab da also ein Gap und dann passiert es, dass man noch einen zweiten Tag zur Entnahme muss, damit die angeforderte Zellzahl auch wirklich gesammelt werden kann.

Bekommt man das bei der Spende gesagt, für wen man spendet?

Ja, am Tag der Spende wird einem gesagt, ob man für eine Frau, einen Mann oder ein Kind spendet, wenn man es wissen möchte. Vorher nicht. Ich durfte dann z. B. wissen, dass ich für einen Mann aus Frankreich spende.

Hat man nach der Spende noch Nachwirkungen?

Das kommt auf die Entnahmemethode an. Bei der peripheren Methode hat man eher vorher die Beeinträchtigungen und die sind sofort nach der Entnahme weg, weil wieder Platz im Knochenmark ist. Das ist natürlich sehr geil. Ich bin aus dem Bett gestiegen und hab gedacht: "Super!". Dann darf man auch sofort nach Hause gehen.

Bei der Knochmarkentnahme werden parallel von zwei Ärzten die Beckenkammknochen punktiert. Eine Kollegin von mir hat schon Knochenmark gespendet und die hat das Gefühl nach der Entnahme als eine Art Prellungsschmerz beschrieben. Es kann sich also auch wie ein Pferdekuss auswirken.

Okay, das kennen alle Mannschaftssportler ja auch zur Genüge.

Bei der Knochenmarkentnahme bleibst du in der Regel dann noch eine Nacht im Krankenhaus, weil bei der Entnahme oberhalb des Beckenkammknochens ein kleiner Schnitt gemacht wird, der natürlich genäht wird.



Wie geht es nach der Spende weiter?

Hat man als Spender nach der Spende dann noch irgendetwas zu tun?

Die DKMS versucht immer Informationen vom Patienten zu bekommen. Die erste Info bekommt man als Spender normalerweise nach einem halben Jahr, wenn der Spender es wirklich wünscht - das wird immer erst abgefragt. Lebt der Patient, ist er entlassen worden, wie geht es ihm ganz grob?
Nach zwei Jahren hat man - je nach Herkunft des Patienten - die Möglichkeit, den Patienten kennen zu lernen, wenn beide das wünschen. Das ist aber von Land zu Land unterschiedlich. Z.B. erlaubt Frankreich nur einen einmaligen Briefkontakt, Holland erlaubt gar keinen Kontakt und die USA erlauben, wie Deutschland, ein Treffen nach zwei Jahren.

Ansonsten freut sich die DKMS natürlich, wenn der Spender die Nachsorge mitmacht. Da wird nach einem Monat sowie nach sechs Monaten gebeten, eine Blutprobe und einen Gesundheitsfragebogen abzugeben, um zu überprüfen, ob gerade die Zellzahlen wieder normal sind. Danach wird nur noch jährlich um die Abgabe eines Gesundheitsfragebogens gebeten, einfach zur Überprüfung etwaiger Spätfolgen.

Sind denn bisher Spätfolgen bekannt?

Diese Nachsorge wird schon lange betrieben. Bei der DKMS gibt es ein Programm, bei dem auch Spender, die letztendlich nicht gespendet haben, ebenfalls gebeten werden, diese Fragebögen auszufüllen. Dann werden Pärchen gebildet aus einem Spender, der gespendet hat und einem, der nicht gespendet hat, um zu vergleichen, ob der eine oder der andere eine höhere Inzidenz bestimmter Erkrankungen hat. Bisher gibt es da überhaupt keine Auffälligkeiten. Es gibt also keinerlei Nachteile, die man durch eine Spende hat.

Hast du bei deiner Spende denn etwas gehört, wie es dem Patienten mit deiner Spende ergangen ist?

Ich habe nach einem halben Jahr und nach einem Jahr die Nachricht erhalten, dass er lebt und er ist auch relativ schnell entlassen worden. Weitere Informationen werden in Frankreich dann leider nicht erteilt, so dass ich darüber hinaus nichts weiß.

Das ist dann also auch kein persönlicher Brief von dem Patienten, sondern die Nachricht erhälst du auch über die DKMS?

Ja, das läuft alles über die DKMS. Die DKMS fragt das regelmäßig an und manche Kliniken beantworten diese Anfragen und andere eher nicht. Das ist ein bisschen Glückssache.
Bei meiner Spende war es mir aber wichtig zu wissen, dass der Patient erst einmal initial überlebt hat. Ich denke mir immer, dass wenn er wirklich einen Rückfall erlitten hätte, wäre ich auch erneut angefragt worden. Die Möglichkeit gibt es natürlich, dass der gleiche Spender nochmal angefragt wird. Je nach Art des Rückfalls kann es aber auch sein, dass der Arzt dann einen anderen Spender bevorzugt.

Welche Gründe hat es, dass die Kontaktaufnahme zwischen Spender und Patient so streng geregelt ist?

Durch die zwei Jahre Wartezeit in Deutschland soll vermieden werden, dass Druck auf den Spender ausgeübt werden kann, erneut zu spenden, wenn es zu einem Rückfall kommt. Nach zwei Jahren ist es relativ unwahrscheinlich, dass es zu einem Rückfall kommt - zumindest zu einem, bei dem der gleiche Spender noch einmal gefragt werden würde.

Blutkrebs kann jeden treffen

Nach den DKMS-Zahlen erkrankt alle 15 Minuten ein Mensch in Deutschland an Blutkrebs. Gibt es Umstände die das Risiko an Blutkrebs zu erkranken erhöhen? In Verruf ist da ja zum Beispiel die unmittelbare Nachbarschaft zu Atomkraftwerken.

Ja, das ist ungünstig. Äußere Umstände können da immer einen Einfluss haben. Man kann jetzt aber nicht sagen, wenn du rauchst, dann bekommst du in jedem Fall Blut- oder Lungenkrebs. Da gehört auch immer Glück oder Pech dazu. Bei manchen Blutkrebserkrankungen spielt Vererbung eine Rolle, aber auch nicht bei allen. Dementsprechend ist es weitgehend unvorhersehbar, wer an Blutkrebs erkrankt.

Wenn ich mir die Spendenaufrufe der DKMS ansehe, scheint das Alter der Blutkrebspatienten sehr unterschiedlich zu sein. Leider sind da auch sehr oft Kinder bei.

Das liegt mit daran, dass eine Blutkrebsart eher bei Kindern vorkommt und eine andere eher im Alter. Die Blutkrebsarten unterscheiden sich auch in der Aggressivität, bei einigen Arten kann man auch lange warten auf eine Spende.
Was viele nicht wissen: Eine Stammzellenspende braucht man auch nicht unbedingt nur bei Blutkrebs, sondern kann auch bei Sichelzellenanämie in Betracht gezogen werden, was in afrikanischen Ländern recht verbreitet ist. Es sind also nicht immer nur bösartige Erkrankungen, die behandelt werden.

Bevor beim ZKRD angefragt wird, wird aber zuerst immer in der Familie des Patienten ein Spender gesucht, oder?

Ja, wenn der Arzt initial anfängt für den Patienten zu suchen, wird immer erst die Familie durchsucht. Geschwisterkinder haben eine 50 prozentige Wahrscheinlichkeit zum Patienten zu passen. Eltern passen immer nur zur Hälfte, weil man immer nur einen Teil weitergibt. Das gleiche gilt natürlich für Kinder. Bei weiter entfernten Verwandten wird es immer schwieriger. Bei Cousinen besteht z.B. nur noch eine ganz geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie zu 100 Prozent zum Patienten passen. Wobei es aber auch die Möglichkeit gibt halb-passend zu spenden, weswegen viele Mütter oder Väter auch für ihre Kinder spenden. Diese Möglichkeit besteht auch bei Fremdspendern, aber natürlich wird immer zuerst nach einer vollständigen Übereinstimmung gesucht.

Die DKMS versucht über diverse Kanäle Menschen zu motivieren sich zu registrieren. Es gibt z.B. auch Registrierungsevents bei Sportvereinen oder Unternehmen. Gibt es etwas, was besonders gut läuft und was man unbedingt anregen sollte, wenn man an geeigneter Stelle in einem Verein oder Unternehmen sitzt? Mein Mann hat sich z.B. beim Football Agency Cup der deutschen Werbeagenturen registriert.

Es gibt da Firmen, die sehr aktiv mit der DKMS zusammen arbeiten. Zum Beispiel die deutsche Telekom macht fast jedes Jahr eine Registrierungsaktion. Bei Unternehmen ist es oft der Betriebsrat, der sich darum kümmert oder oft sind es auch die Chefs, die sich bei der DKMS melden. Bei Unternehmenstypisierungen ist es aber so, dass die DKMS darum bittet, und das macht es etwas schwierig, dass das Unternehmen die Typisierungskosten trägt.
Auch bei Laufveranstaltungen ist die DKMS ganz oft vor Ort, vom Neumarkter Stadtlauf bis zu den ganzen Businessruns.
Auf www.dkms.de gibt es online auch eine Karte, auf der alle kommenden Typisierungsaktionen eingezeichnet sind. Geldspenden kann man einfach zentral an die DKMS richten und kann das dann natürlich auch von der Steuer absetzen.

Info der DKMS

Jenny, vielen herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, so ausführlich die Fragen einer gänzlich Uninformierten zu beantworten!
Ich habe so viel gelernt!

Registrierung für Naschkatzen

Eine schöne Möglichkeit jemanden liebevoll zur Registrierung als Stammzellenspender zu animieren ist übrigens der LifeLolli. Der LifeLolli wurde von der  Knochen­mark­spender­zentrale des Universitäts­klinikums Düssel­dorf entwickelt. Im Inneren des Lollis befindet sich ein Wattestäbchen mit dem man den Wangenabstrich machen kann und es dann zurückschickt.

Mehr Infos auf www.lifelolli.de

Auch hier gilt: Wenn ihr bereits bei der DKMS oder einer anderen Spenderdatei registriert seid, registriert euch bitte nicht doppelt!

Leben retten mit der DKMS - Interview mit Dr. Jennifer Wuchter (Teil 1)



Vielleicht wissen es gar nicht alle von Euch, aber ich bin Partnerin von LAUFMAMALAUF in Hamburg und gebe jeden Tag Outdoor-Fitness-Kurse für Mütter mit Ihren Babies. Meistens gehen wir nach dem Training auch noch einen Kaffee trinken. Oft reden wir dann über das Stillen, Wickeln und Schlafen. Manchmal aber auch nicht. Denn da sitzen ja nicht nur Mütter, sondern auch hochqualifizierte Frauen. Letztens saß ich zwischen einer Onkologin aus dem Krankenhaus St. Georg und Jennifer Wuchter, einer Doktorin der Biologie, die gerade aus Tübingen nach Hamburg gezogen ist und vorher über fünf Jahre in der Zentrale der DKMS (Deutsche Knochemarkspenderdatei) gearbeitet hat. Jenny hat auch selber bereits für einen Blutkrebspatienten Stammzellen gespendet. 


Glaubt mir, ich habe noch nie soviel über Leukämie und Stammzellenspenden gelernt, wie bei diesem Kaffee.

Weil ich das ganze Thema mega interessant finde und euch das nicht vorenthalten wollte, habe ich Jenny im Interview nochmal von vorne bis hinten über die DKMS und die Stammzellenspende ausgefragt.

Jenny, wofür genau warst du bei der DKMS zuständig?

In meiner Abteilung haben wir alle eingehenden Typisierungen auf Richtigkeit überprüft.
Gleichzeitig war ich aber auch im Projektmanagement für die Auslandsstandorte tätig. Da ging es darum, Spender erneut zu typisieren. Spender, die vor langer Zeit aufgenommen wurden, wurden nach damaligem Stand typisiert, was nicht mehr den heutigen Möglichkeiten entspricht. Mittlerweile kann man deutlich mehr Merkmale typisieren. Deswegen kann es immer sein, dass man als Spender noch einmal angeschrieben wird, damit präzise nachtypisiert werden kann.

Ich war überrascht, wie einfach es war, die Registrierung durchzuführen mit dem Wangenabstrich. Früher musste noch eine Blutprobe abgegeben werden, oder?

Ja, es war ganz lange nur mit Blutprobe möglich sich zu registrieren. Dann wurde darauf umgestellt, dass bei Vor-Ort-Aktionen Blut abgenommen wurde und die Bestell-Kits mit den Wattestäbchen bestückt wurden. Mittlerweile ist es so, dass sogar der CMV-Status (Cytomegalie Virus) aus dem Wattestäbchen bestimmt werden kann. Das wurde ganz lange für undurchführbar gehalten. Glücklicherweise konnte meine Abteilung hier ganz eng mit unserem Labor zusammenarbeiten und so dazu beitragen, dass der CMV-Status aus dem Wattestäbchen bestimmt werden kann. Das war ein toller Durchbruch! Seit es möglich ist, auch den CMV so zu bestimmen, werden quasi alle Registrierungen mit dem Wattestäbchen vorgenommen.

https://youtu.be/hLumL1rhTdg

Wieso ist das bei einer Knochenmarkspende relevant, ob jemand das Zytomegalie-Virus trägt?

Eine CMV-Infektion kann nach einer Transplantation schwere bis tödliche Verläufe nehmen, obwohl sie ja bei gesunden Menschen häufig komplett unbemerkt bleibt. Allerdings ist es momentan noch so, dass man für einen CMV-negativen Patienten auch einen CMV-negativen Spender will und anders rum. Das hat etwas damit zu tun, das potentiell durch CMV-positive Spender auch Virus mit übertragen werden könnte, allerdings auch Antikörper um eine Infektion in Zaum zu halten. Da wird aber noch rege diskutiert unter den Ärzten und das Vorgehen ist noch bestimmt, durch die Vorerfahrungen die ein Arzt gemacht hat. Erste Publikationen zu dem Thema kommen aber. 

Wieviele Menschen sind in Deutschland bei der DKMS registriert?

In Deutschland sind ca. 6 Millionen Menschen bei der DKMS registriert und noch ungefähr 2 Millionen Menschen bei anderen Spenderdateien. Es gibt insgesamt 26 verschiedene Spenderdateien, wovon die DKMS die größte ist. Also ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung, wobei man aber auch nur zwischen 18 und 61 Jahren spenden kann. Frühestens mit 17 Jahren kann man sich registrieren und mit 61 Jahren fällt man aus medizinischen Gründen wieder raus.

Sollte man sich in allen diesen 26 Spenderdateien registrieren lassen oder gibt es da einen Datenabgleich?

Bitte nie bei mehreren Spenderdateien registrieren! Wenn man sich nämlich zum Beispiel bei drei verschiedenen Spenderdateien registriert, führt das dazu, dass bei der Suche im zentralen Knochenmarkspenderregister drei passende Spender angezeigt werden. Dort liegen die Daten nämlich nur anonymisiert vor. Wenn die Spender dann über die jeweiligen Spenderdateien kontaktiert werden, stellt sich leider heraus, dass es sich um ein und den selben Spender handelt. Das ist für den Patienten psychologisch ganz schlecht. Manche Ärzte sagen den Patienten sehr offen, wie es mit der Spendersuche läuft. Wenn man dann erst denkt, dass es mehrere Spender gibt und sich dann herausstellt, dass es doch nur einer ist, ist das natürlich nicht optimal.

Obwohl bereits so viele Menschen registriert sind, sucht die DKMS aber trotzdem ständig weiter Spender. In meiner persönlichen Bubble habe ich immer den Eindruck, dass längst alle Menschen bei der DKMS registriert sind. Aber der DKMS fehlen immer noch ganz viele Leute, die sich aus unterschiedlichen Gründen noch nicht als Spender registriert haben.

Ja, definitiv! Man muss bei der Erklärung, warum immer mehr Spender gebraucht werden, etwas vorsichtig sein, wie man sich ausdrückt. Aber die Wahrscheinlichkeit, einen Spender zu finden, hängt auch immer von der eigenen Abstammung ab. Ein abstammungsmäßig deutscher Mensch findet in der deutschen Bevölkerung auch relativ leicht einen Spender. Es gibt aber auch hier immer Ausnahmen von Personen mit seltenen Merkmalen, da gehöre ich zum Beispiel auch zu. Dann findet man auch nicht so leicht einen Spender. Kritischer wird es je mehr gemischt-ethnische Elternpaare es im Stammbaum eines Menschen gibt. Wenn sich also die HLA-Merkmale ( "Humane Leukozyten-Antigene" - die Merkmale die bei Spender und Patient übereinstimmen müssen) mischen z.B. zwischen einem Europäer und einem Amerikaner, dann wird es immer unwahrscheinlicher, dass man einen passenden Spender findet, weil es nicht so viele Spender mit dem gleichen gemischt-ethnischen Background gibt.

Jeder Mensch hat sechs HLA-Merkmale und die kommen auf beiden Chromosomen im Erbgut vor. So hat jeder Mensch also je zwei Genvarianten der einzelnen HLA-Merkmale. Ein Chromosom wird dabei von der Mutter und eins vom Vater vererbt. Optimaler Weise muss eine Übereinstimmung von fünf HLA-Merkmalen (= zehn Genen) hergestellt werden können. Die HLA-Merkmale werden ganz krass in einer Bevölkerungsgruppe vererbt. In Deutschland gibt es zum Beispiel ganz typische Merkmale, in Griechenland, als europäischem Land, sind die Merkmale noch sehr ähnlich, es gibt aber schon einige Besonderheiten. Geht man nach Indien sind die HLA-Merkmal ganz anders verteilt. Mischt sich das dann, hat man einen indischen und einen deutschen Strang und braucht diese Mischung dann auch als Spender.

Info der DKMS

Zwischen 17 und 61 Jahren kann aber jeder Spender sein oder gibt es Ausschlussgründe?

Ein hartnäckiger Irrglaube ist es, dass sich homosexuelle Männer sich nicht typisieren lassen dürfen. Das war früher tatsächlich so und ist auch fälschlich immer wieder mal in der Presse. Dieses Verbot besteht heute jedoch nicht mehr.

Es gibt aber andere Ausschlussgründe. Typischer Weise sind das schwere Erkrankungen, also wenn man bereits eine Krebserkrankung, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hatte, weil das bei einer Stammzellenentnahme zu größeren Problemen führen könnte.
Bei Schilddrüsenerkrankungen kann man sich registrieren, ist aber eventuell dann bei einer Spende auf eine der beiden möglichen Entnahmenarten eingeschränkt. Grundsätzlich kann man auch über die periphere Methode Knochenmark spenden, da wäre man dann eingeschränkt auf die Knochenmarkentnahme aus dem Beckenkammknochen.

Wie spendet man Stammzellen bei der peripheren Methode?

Es gibt zwei Methoden zu spenden. Einmal die Knochenmarkentnahme, wo der Beckenkammknochen unter Vollnarkose punktiert wird und ein Knochemark-Blut-Gemisch entnommen wird.
Bei der peripheren Methode bekommst du vorher über fünf Tage ein Medikament, das sogenannte gCSF. Das ist ein hormonähnlicher Stoff, der dafür sorgt, dass sich deine Stammzellen vermehren. Die Stammzellen werden dann aus dem Knochenmark ins Blut ausgeschwemmt und die werden dann mit einer Art Dialyse entnommen. Du wirst sechs Stunden an eine Dialyse angeschlossen, dein Blut fließt in eine Maschine, durch Zentrifugation werden dann die Stammzellen abgefiltert und den Rest des Blutes bekommst du wieder. Mittlerweile werden 80% der Präparate über diese periphere Methode gewonnen und nur zu 20% über die Knochenmarkentnahme aus dem Beckenkammknochen. Das hängt aber davon ab, welche Art "Stammzellenprodukt" der Patient braucht. Das entscheidet der Arzt des Patienten.

Eine Knochenmarkspende darf man übrigens auch mit einem schweren Bandscheibenvorfall nicht mehr machen. Dann darf man nur noch über die periphere Methode spenden. Bei der Neuaufnahme wird erfragt, ob schwere Erkrankungen vorliegen. In der Vorbereitung auf die Spende muss man dann einen ausführlichen Fragebogen ausfüllen und in einem letzten Schritt wird man dann noch vom Entnahmearzt untersucht. Der Entnahmearzt entscheidet dann, ob beide Entnahmearten möglich sind. Wenn nur noch eine Entnahmeart möglich ist, wird das dem Arzt des Leukämiepatienten mitgeteilt. Der entscheidet dann, ob ein alternativer Spender gesucht wird oder ob der ursprünglich angefragte Spender spenden soll, obwohl nicht die gewünschte Spendenmethode durchgeführt werden kann.

Das heißt aber, es gibt noch jede Menge Menschen, die noch nicht registriert sind und nicht zu alt, zu jung oder zu krank sind. Es kostet aber nichts, sich typisieren zu lassen?

Ganz genau. Es ist natürlich sehr hilfreich, wenn man etwas spendet, denn - na klar - entstehen bei der Typisierung Kosten, das sind ungefähr 35 Euro pro Typisierung. Aber prinzipiell muss man diese Kosten nicht übernehmen, wenn man sich als Spender registrieren lässt.

Nach dieser ersten Flut von Informationen, erzählt Jenny im zweiten Teil des Interviews wie es sich anfühlt, selber Stammzellen für einen Krebspatienten zu spenden. 

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