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Freitag, 1. Januar 2021

Leben retten mit der DKMS - Interview mit Dr. Jennifer Wuchter (Teil 2)



Im ersten Teil der Interviews hat Jenny schon wahnsinnig viel zu ihrem Job bei der DKMS erzählt. Sie hat aber auch selber schon Stammzellen für einen Blutkrebspatienten gespendet. Als ich mich bei der DKMS registriert habe, habe ich mir tatsächlich wenig Gedanken darüber gemacht, wie man überhaupt Stammzellen spendet - haben andere schließlich auch schon geschafft. Deswegen hatte ich aber jede Menge Fragen an Jenny zum eigentlichen Prozedere.


Was passiert genau bei der Stammzellenspende?


Erzähl uns doch mal wie genau das abläuft, nachdem ich meinen Abstrich an der Mundschleimhaut gemacht habe und mein Wattestäbchen an die DKMS geschickt habe. Jetzt habe ich vielleicht jahrelang nichts gehört und was passiert dann?

Es gibt irgendwo einen Patienten mit der Diagnose Blutkrebs und der braucht einen Spender. Der Arzt wendet sich dann erst an das zentrale Knochemarkspenderregister (ZKRD) und startet eine Suche nach einem Spender mit den Humanen Leukozytantigen-Merkmalen (HLA-Merkmale) des Patienten. Wenn die Suche erfolgreich ist, kann das ZKRD dem Arzt z.B. sagen, dass es 5 Spender bei der DKMS und zwei Spender bei der Stefan-Morsch-Stiftung gibt. Der Arzt bekommt dann zunächst nur den Übereinstimmungsgrad der HLA-Merkmale und weitere Informationen, wie die Blutgruppe (die muss nicht übereinstimmen, es ist aber besser) mitgeteilt. Anhand dieser Merkmale wählt der Arzt den Spender aus, der am besten passt. Dann kontaktiert das ZKRD die DKMS, weil nur die DKMS die persönlichen Daten des Spenders hat.
Jetzt wirst du von der DKMS kontaktiert.
Du bekommst die Information, dass es eine Übereinstimung gibt und wirst gebeten eine Blutprobe abzugeben und den medizinischen Fragebogen auszufüllen. Dann wird von den Ärzten der DKMS geprüft, ob der Spender prinzipiell gemäß Fragebogen zu einer Spende zugelassen werden kann. Dazu wird die Blutprobe unabhängig komplett durchtypisiert, für alle Merkmale, die schon bei der Aufnahme typisiert wurden. Hier sollen Fehler ausgeschlossen werden und es werden Infektionsmarker gemacht, so dass eine Infektion mit HIV, Syphilis, Hepatitis B und C etc. ausgeschlossen wird.
Wenn das alles in Ordnung ist, bekommt der Arzt eine Mitteilung, dass die Merkmale bestätigt wurden und der Spender prinzipiell spenden kann.

Dann muss sich der Arzt entscheiden, welchen Spender er haben möchte und es geht in die wirkliche Spendenvorbereitung. Die DKMS kontaktiert dich dann wieder, dass ganz konkret du als Spender ausgewählt worden bist. Die weitere Spendenorganisation läuft auch komplett über die DKMS. Es wird ausgemacht, in welcher Klinik die Spende erfolgt. Dabei kommt es darauf an, ob Knochenmark angefragt wurde oder über die periphere Methode gespendet werden kann, weil nicht in jeder Klinik beides möglich ist. Es wird aber immer versucht, so wohnortnah wie möglich eine eine Klinik zu finden. Es gibt aber zwei große Zentren in Köln und in Dresden, die sich auf Stammzellenentnahme spezialisiert haben. Für den Spender wird alles organisiert, von der Anreise über das Hotel bis zum Kliniktermin.

In der Klinik gibt es dann eine Voruntersuchung, bei der der entnehmende Arzt dich noch einmal auf Herz und Nieren prüft.

Es kommen auf den Spender also keinerlei Kosten zu und alles wird von der DKMS für ihn organisiert.


Wie fühlt es sich an?

Wie war das bei deiner eigenen Spende? Hast du Knochenmark gespendet?

Nein, ich habe über die periphere Methode gespendet. Zur Entnahme war ich in Tübingen und dort habe ich dann bei der Voruntersuchung den Ablauf nochmal genau erklärt bekommen. Ich habe bereits dieses Medikament erwähnt, das man bei der peripheren Methode bekommt. Das sind Spritzen, die man sich gibt, wie so kleine Thrombose-Spritzen.

Die gibt man sich dann, genau wie beim Beinbruch, einfach selber in die Fettfalte am Bauch?

Ja genau, in die Individualschicht *grinst*.
Dieses Medikament kann natürlich auch Nebenwirkungen haben, bzw. die eigentliche Wirkung ist das, was einem die Probleme macht. Du nimmst das Medikament ja, damit sich deine Stammzellen vermehren. Die Stammzellen sitzen im Knochenmark und wenn sie sich vermehren, ist irgendwann einfach weniger Platz im Knochenmark. Die Folge davon ist, dass du Knochenschmerzen bekommst.

Ist das so ähnlich, wie die Wachstumsschmerzen, die man früher als Kind hatte?

Na ja, vielleicht so ein Zwischending aus Wachstumsschmerzen und Gliederschmerzen. Du merkst aber schon, dass es der Knochen ist. Vor allen Dingen im Kopf, weil der Schädelknochen extrem viele Stammzellen hat und aber auch das Brustbein und die Rippen. Das ist dann wie ein Druck, der dort entsteht.
Man kann sich dann krankschreiben lassen, viele arbeiten aber auch weiter - ich auch. Es ist aber auch möglich, ganz normale Schmerzmittel zu nehmen, wenn es einem zu viel wird. Es ist aber auch absolut auszuhalten, das ist wirklich nicht so tragisch.

Aushalten können Mütter ja. Also nicht schlimmer als eine Schwangerschaft?

Nein, um Gottes Willen! (Wir müssen beide lachen.)

Am fünften Tag der Medikamentengabe bin ich dann in die Klinik gegangen und habe die Zugänge gelegt bekommen. Auf der einen Seite fließt das Blut raus in die Maschine und auf der anderen Seite fließt es zurück zu einem. Das ganze dauert so ungefähr sechs Stunden, je nachdem wie viele Stammzellen gebraucht werden. Ich als kleine, leichte Person habe z. B. für einen 100-Kilo-Mann gespendet und man berechnet die Zellzahl die er braucht pro Kilogramm Körpergewicht. Es gab da also ein Gap und dann passiert es, dass man noch einen zweiten Tag zur Entnahme muss, damit die angeforderte Zellzahl auch wirklich gesammelt werden kann.

Bekommt man das bei der Spende gesagt, für wen man spendet?

Ja, am Tag der Spende wird einem gesagt, ob man für eine Frau, einen Mann oder ein Kind spendet, wenn man es wissen möchte. Vorher nicht. Ich durfte dann z. B. wissen, dass ich für einen Mann aus Frankreich spende.

Hat man nach der Spende noch Nachwirkungen?

Das kommt auf die Entnahmemethode an. Bei der peripheren Methode hat man eher vorher die Beeinträchtigungen und die sind sofort nach der Entnahme weg, weil wieder Platz im Knochenmark ist. Das ist natürlich sehr geil. Ich bin aus dem Bett gestiegen und hab gedacht: "Super!". Dann darf man auch sofort nach Hause gehen.

Bei der Knochmarkentnahme werden parallel von zwei Ärzten die Beckenkammknochen punktiert. Eine Kollegin von mir hat schon Knochenmark gespendet und die hat das Gefühl nach der Entnahme als eine Art Prellungsschmerz beschrieben. Es kann sich also auch wie ein Pferdekuss auswirken.

Okay, das kennen alle Mannschaftssportler ja auch zur Genüge.

Bei der Knochenmarkentnahme bleibst du in der Regel dann noch eine Nacht im Krankenhaus, weil bei der Entnahme oberhalb des Beckenkammknochens ein kleiner Schnitt gemacht wird, der natürlich genäht wird.



Wie geht es nach der Spende weiter?

Hat man als Spender nach der Spende dann noch irgendetwas zu tun?

Die DKMS versucht immer Informationen vom Patienten zu bekommen. Die erste Info bekommt man als Spender normalerweise nach einem halben Jahr, wenn der Spender es wirklich wünscht - das wird immer erst abgefragt. Lebt der Patient, ist er entlassen worden, wie geht es ihm ganz grob?
Nach zwei Jahren hat man - je nach Herkunft des Patienten - die Möglichkeit, den Patienten kennen zu lernen, wenn beide das wünschen. Das ist aber von Land zu Land unterschiedlich. Z.B. erlaubt Frankreich nur einen einmaligen Briefkontakt, Holland erlaubt gar keinen Kontakt und die USA erlauben, wie Deutschland, ein Treffen nach zwei Jahren.

Ansonsten freut sich die DKMS natürlich, wenn der Spender die Nachsorge mitmacht. Da wird nach einem Monat sowie nach sechs Monaten gebeten, eine Blutprobe und einen Gesundheitsfragebogen abzugeben, um zu überprüfen, ob gerade die Zellzahlen wieder normal sind. Danach wird nur noch jährlich um die Abgabe eines Gesundheitsfragebogens gebeten, einfach zur Überprüfung etwaiger Spätfolgen.

Sind denn bisher Spätfolgen bekannt?

Diese Nachsorge wird schon lange betrieben. Bei der DKMS gibt es ein Programm, bei dem auch Spender, die letztendlich nicht gespendet haben, ebenfalls gebeten werden, diese Fragebögen auszufüllen. Dann werden Pärchen gebildet aus einem Spender, der gespendet hat und einem, der nicht gespendet hat, um zu vergleichen, ob der eine oder der andere eine höhere Inzidenz bestimmter Erkrankungen hat. Bisher gibt es da überhaupt keine Auffälligkeiten. Es gibt also keinerlei Nachteile, die man durch eine Spende hat.

Hast du bei deiner Spende denn etwas gehört, wie es dem Patienten mit deiner Spende ergangen ist?

Ich habe nach einem halben Jahr und nach einem Jahr die Nachricht erhalten, dass er lebt und er ist auch relativ schnell entlassen worden. Weitere Informationen werden in Frankreich dann leider nicht erteilt, so dass ich darüber hinaus nichts weiß.

Das ist dann also auch kein persönlicher Brief von dem Patienten, sondern die Nachricht erhälst du auch über die DKMS?

Ja, das läuft alles über die DKMS. Die DKMS fragt das regelmäßig an und manche Kliniken beantworten diese Anfragen und andere eher nicht. Das ist ein bisschen Glückssache.
Bei meiner Spende war es mir aber wichtig zu wissen, dass der Patient erst einmal initial überlebt hat. Ich denke mir immer, dass wenn er wirklich einen Rückfall erlitten hätte, wäre ich auch erneut angefragt worden. Die Möglichkeit gibt es natürlich, dass der gleiche Spender nochmal angefragt wird. Je nach Art des Rückfalls kann es aber auch sein, dass der Arzt dann einen anderen Spender bevorzugt.

Welche Gründe hat es, dass die Kontaktaufnahme zwischen Spender und Patient so streng geregelt ist?

Durch die zwei Jahre Wartezeit in Deutschland soll vermieden werden, dass Druck auf den Spender ausgeübt werden kann, erneut zu spenden, wenn es zu einem Rückfall kommt. Nach zwei Jahren ist es relativ unwahrscheinlich, dass es zu einem Rückfall kommt - zumindest zu einem, bei dem der gleiche Spender noch einmal gefragt werden würde.

Blutkrebs kann jeden treffen

Nach den DKMS-Zahlen erkrankt alle 15 Minuten ein Mensch in Deutschland an Blutkrebs. Gibt es Umstände die das Risiko an Blutkrebs zu erkranken erhöhen? In Verruf ist da ja zum Beispiel die unmittelbare Nachbarschaft zu Atomkraftwerken.

Ja, das ist ungünstig. Äußere Umstände können da immer einen Einfluss haben. Man kann jetzt aber nicht sagen, wenn du rauchst, dann bekommst du in jedem Fall Blut- oder Lungenkrebs. Da gehört auch immer Glück oder Pech dazu. Bei manchen Blutkrebserkrankungen spielt Vererbung eine Rolle, aber auch nicht bei allen. Dementsprechend ist es weitgehend unvorhersehbar, wer an Blutkrebs erkrankt.

Wenn ich mir die Spendenaufrufe der DKMS ansehe, scheint das Alter der Blutkrebspatienten sehr unterschiedlich zu sein. Leider sind da auch sehr oft Kinder bei.

Das liegt mit daran, dass eine Blutkrebsart eher bei Kindern vorkommt und eine andere eher im Alter. Die Blutkrebsarten unterscheiden sich auch in der Aggressivität, bei einigen Arten kann man auch lange warten auf eine Spende.
Was viele nicht wissen: Eine Stammzellenspende braucht man auch nicht unbedingt nur bei Blutkrebs, sondern kann auch bei Sichelzellenanämie in Betracht gezogen werden, was in afrikanischen Ländern recht verbreitet ist. Es sind also nicht immer nur bösartige Erkrankungen, die behandelt werden.

Bevor beim ZKRD angefragt wird, wird aber zuerst immer in der Familie des Patienten ein Spender gesucht, oder?

Ja, wenn der Arzt initial anfängt für den Patienten zu suchen, wird immer erst die Familie durchsucht. Geschwisterkinder haben eine 50 prozentige Wahrscheinlichkeit zum Patienten zu passen. Eltern passen immer nur zur Hälfte, weil man immer nur einen Teil weitergibt. Das gleiche gilt natürlich für Kinder. Bei weiter entfernten Verwandten wird es immer schwieriger. Bei Cousinen besteht z.B. nur noch eine ganz geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie zu 100 Prozent zum Patienten passen. Wobei es aber auch die Möglichkeit gibt halb-passend zu spenden, weswegen viele Mütter oder Väter auch für ihre Kinder spenden. Diese Möglichkeit besteht auch bei Fremdspendern, aber natürlich wird immer zuerst nach einer vollständigen Übereinstimmung gesucht.

Die DKMS versucht über diverse Kanäle Menschen zu motivieren sich zu registrieren. Es gibt z.B. auch Registrierungsevents bei Sportvereinen oder Unternehmen. Gibt es etwas, was besonders gut läuft und was man unbedingt anregen sollte, wenn man an geeigneter Stelle in einem Verein oder Unternehmen sitzt? Mein Mann hat sich z.B. beim Football Agency Cup der deutschen Werbeagenturen registriert.

Es gibt da Firmen, die sehr aktiv mit der DKMS zusammen arbeiten. Zum Beispiel die deutsche Telekom macht fast jedes Jahr eine Registrierungsaktion. Bei Unternehmen ist es oft der Betriebsrat, der sich darum kümmert oder oft sind es auch die Chefs, die sich bei der DKMS melden. Bei Unternehmenstypisierungen ist es aber so, dass die DKMS darum bittet, und das macht es etwas schwierig, dass das Unternehmen die Typisierungskosten trägt.
Auch bei Laufveranstaltungen ist die DKMS ganz oft vor Ort, vom Neumarkter Stadtlauf bis zu den ganzen Businessruns.
Auf www.dkms.de gibt es online auch eine Karte, auf der alle kommenden Typisierungsaktionen eingezeichnet sind. Geldspenden kann man einfach zentral an die DKMS richten und kann das dann natürlich auch von der Steuer absetzen.


Jenny, vielen herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, so ausführlich die Fragen einer gänzlich Uninformierten zu beantworten!
Ich habe so viel gelernt!

Registrierung für Naschkatzen

Eine schöne Möglichkeit jemanden liebevoll zur Registrierung als Stammzellenspender zu animieren ist übrigens der LifeLolli. Der LifeLolli wurde von der  Knochen­mark­spender­zentrale des Universitäts­klinikums Düssel­dorf entwickelt. Im Inneren des Lollis befindet sich ein Wattestäbchen mit dem man den Wangenabstrich machen kann und es dann zurückschickt.

Auch hier gilt: Wenn ihr bereits bei der DKMS oder einer anderen Spenderdatei registriert seid, registriert euch bitte nicht doppelt!

Leben retten mit der DKMS - Interview mit Dr. Jennifer Wuchter (Teil 1)



Vielleicht wissen es gar nicht alle von Euch, aber ich bin Partnerin von LAUFMAMALAUF in Hamburg und gebe jeden Tag Outdoor-Fitness-Kurse für Mütter mit Ihren Babies. Meistens gehen wir nach dem Training auch noch einen Kaffee trinken. Oft reden wir dann über das Stillen, Wickeln und Schlafen. Manchmal aber auch nicht. Denn da sitzen ja nicht nur Mütter, sondern auch hochqualifizierte Frauen. Letztens saß ich zwischen einer Onkologin aus dem Krankenhaus St. Georg und Jennifer Wuchter, einer Doktorin der Biologie, die gerade aus Tübingen nach Hamburg gezogen ist und vorher über fünf Jahre in der Zentrale der DKMS (Deutsche Knochemarkspenderdatei) gearbeitet hat. Jenny hat auch selber bereits für einen Blutkrebspatienten Stammzellen gespendet. 


Glaubt mir, ich habe noch nie soviel über Leukämie und Stammzellenspenden gelernt, wie bei diesem Kaffee.

Weil ich das ganze Thema mega interessant finde und euch das nicht vorenthalten wollte, habe ich Jenny im Interview nochmal von vorne bis hinten über die DKMS und die Stammzellenspende ausgefragt.


Jenny, wofür genau warst du bei der DKMS zuständig?

In meiner Abteilung haben wir alle eingehenden Typisierungen auf Richtigkeit überprüft.
Gleichzeitig war ich aber auch im Projektmanagement für die Auslandsstandorte tätig. Da ging es darum, Spender erneut zu typisieren. Spender, die vor langer Zeit aufgenommen wurden, wurden nach damaligem Stand typisiert, was nicht mehr den heutigen Möglichkeiten entspricht. Mittlerweile kann man deutlich mehr Merkmale typisieren. Deswegen kann es immer sein, dass man als Spender noch einmal angeschrieben wird, damit präzise nachtypisiert werden kann.

Ich war überrascht, wie einfach es war, die Registrierung durchzuführen mit dem Wangenabstrich. Früher musste noch eine Blutprobe abgegeben werden, oder?

Ja, es war ganz lange nur mit Blutprobe möglich sich zu registrieren. Dann wurde darauf umgestellt, dass bei Vor-Ort-Aktionen Blut abgenommen wurde und die Bestell-Kits mit den Wattestäbchen bestückt wurden. Mittlerweile ist es so, dass sogar der CMV-Status (Cytomegalie Virus) aus dem Wattestäbchen bestimmt werden kann. Das wurde ganz lange für undurchführbar gehalten. Glücklicherweise konnte meine Abteilung hier ganz eng mit unserem Labor zusammenarbeiten und so dazu beitragen, dass der CMV-Status aus dem Wattestäbchen bestimmt werden kann. Das war ein toller Durchbruch! Seit es möglich ist, auch den CMV so zu bestimmen, werden quasi alle Registrierungen mit dem Wattestäbchen vorgenommen.

https://youtu.be/hLumL1rhTdg

Wieso ist das bei einer Knochenmarkspende relevant, ob jemand das Zytomegalie-Virus trägt?

Eine CMV-Infektion kann nach einer Transplantation schwere bis tödliche Verläufe nehmen, obwohl sie ja bei gesunden Menschen häufig komplett unbemerkt bleibt. Allerdings ist es momentan noch so, dass man für einen CMV-negativen Patienten auch einen CMV-negativen Spender will und anders rum. Das hat etwas damit zu tun, das potentiell durch CMV-positive Spender auch Virus mit übertragen werden könnte, allerdings auch Antikörper um eine Infektion in Zaum zu halten. Da wird aber noch rege diskutiert unter den Ärzten und das Vorgehen ist noch bestimmt, durch die Vorerfahrungen die ein Arzt gemacht hat. Erste Publikationen zu dem Thema kommen aber. 

Wieviele Menschen sind in Deutschland bei der DKMS registriert?

In Deutschland sind ca. 6 Millionen Menschen bei der DKMS registriert und noch ungefähr 2 Millionen Menschen bei anderen Spenderdateien. Es gibt insgesamt 26 verschiedene Spenderdateien, wovon die DKMS die größte ist. Also ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung, wobei man aber auch nur zwischen 18 und 61 Jahren spenden kann. Frühestens mit 17 Jahren kann man sich registrieren und mit 61 Jahren fällt man aus medizinischen Gründen wieder raus.

Sollte man sich in allen diesen 26 Spenderdateien registrieren lassen oder gibt es da einen Datenabgleich?

Bitte nie bei mehreren Spenderdateien registrieren! Wenn man sich nämlich zum Beispiel bei drei verschiedenen Spenderdateien registriert, führt das dazu, dass bei der Suche im zentralen Knochenmarkspenderregister drei passende Spender angezeigt werden. Dort liegen die Daten nämlich nur anonymisiert vor. Wenn die Spender dann über die jeweiligen Spenderdateien kontaktiert werden, stellt sich leider heraus, dass es sich um ein und den selben Spender handelt. Das ist für den Patienten psychologisch ganz schlecht. Manche Ärzte sagen den Patienten sehr offen, wie es mit der Spendersuche läuft. Wenn man dann erst denkt, dass es mehrere Spender gibt und sich dann herausstellt, dass es doch nur einer ist, ist das natürlich nicht optimal.

Obwohl bereits so viele Menschen registriert sind, sucht die DKMS aber trotzdem ständig weiter Spender. In meiner persönlichen Bubble habe ich immer den Eindruck, dass längst alle Menschen bei der DKMS registriert sind. Aber der DKMS fehlen immer noch ganz viele Leute, die sich aus unterschiedlichen Gründen noch nicht als Spender registriert haben.

Ja, definitiv! Man muss bei der Erklärung, warum immer mehr Spender gebraucht werden, etwas vorsichtig sein, wie man sich ausdrückt. Aber die Wahrscheinlichkeit, einen Spender zu finden, hängt auch immer von der eigenen Abstammung ab. Ein abstammungsmäßig deutscher Mensch findet in der deutschen Bevölkerung auch relativ leicht einen Spender. Es gibt aber auch hier immer Ausnahmen von Personen mit seltenen Merkmalen, da gehöre ich zum Beispiel auch zu. Dann findet man auch nicht so leicht einen Spender. Kritischer wird es je mehr gemischt-ethnische Elternpaare es im Stammbaum eines Menschen gibt. Wenn sich also die HLA-Merkmale ( "Humane Leukozyten-Antigene" - die Merkmale die bei Spender und Patient übereinstimmen müssen) mischen z.B. zwischen einem Europäer und einem Amerikaner, dann wird es immer unwahrscheinlicher, dass man einen passenden Spender findet, weil es nicht so viele Spender mit dem gleichen gemischt-ethnischen Background gibt.

Jeder Mensch hat sechs HLA-Merkmale und die kommen auf beiden Chromosomen im Erbgut vor. So hat jeder Mensch also je zwei Genvarianten der einzelnen HLA-Merkmale. Ein Chromosom wird dabei von der Mutter und eins vom Vater vererbt. Optimaler Weise muss eine Übereinstimmung von fünf HLA-Merkmalen (= zehn Genen) hergestellt werden können. Die HLA-Merkmale werden ganz krass in einer Bevölkerungsgruppe vererbt. In Deutschland gibt es zum Beispiel ganz typische Merkmale, in Griechenland, als europäischem Land, sind die Merkmale noch sehr ähnlich, es gibt aber schon einige Besonderheiten. Geht man nach Indien sind die HLA-Merkmal ganz anders verteilt. Mischt sich das dann, hat man einen indischen und einen deutschen Strang und braucht diese Mischung dann auch als Spender.


Zwischen 17 und 61 Jahren kann aber jeder Spender sein oder gibt es Ausschlussgründe?

Ein hartnäckiger Irrglaube ist es, dass sich homosexuelle Männer sich nicht typisieren lassen dürfen. Das war früher tatsächlich so und ist auch fälschlich immer wieder mal in der Presse. Dieses Verbot besteht heute jedoch nicht mehr.

Es gibt aber andere Ausschlussgründe. Typischer Weise sind das schwere Erkrankungen, also wenn man bereits eine Krebserkrankung, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hatte, weil das bei einer Stammzellenentnahme zu größeren Problemen führen könnte.
Bei Schilddrüsenerkrankungen kann man sich registrieren, ist aber eventuell dann bei einer Spende auf eine der beiden möglichen Entnahmenarten eingeschränkt. Grundsätzlich kann man auch über die periphere Methode Knochenmark spenden, da wäre man dann eingeschränkt auf die Knochenmarkentnahme aus dem Beckenkammknochen.

Wie spendet man Stammzellen bei der peripheren Methode?

Es gibt zwei Methoden zu spenden. Einmal die Knochenmarkentnahme, wo der Beckenkammknochen unter Vollnarkose punktiert wird und ein Knochemark-Blut-Gemisch entnommen wird.
Bei der peripheren Methode bekommst du vorher über fünf Tage ein Medikament, das sogenannte gCSF. Das ist ein hormonähnlicher Stoff, der dafür sorgt, dass sich deine Stammzellen vermehren. Die Stammzellen werden dann aus dem Knochenmark ins Blut ausgeschwemmt und die werden dann mit einer Art Dialyse entnommen. Du wirst sechs Stunden an eine Dialyse angeschlossen, dein Blut fließt in eine Maschine, durch Zentrifugation werden dann die Stammzellen abgefiltert und den Rest des Blutes bekommst du wieder. Mittlerweile werden 80% der Präparate über diese periphere Methode gewonnen und nur zu 20% über die Knochenmarkentnahme aus dem Beckenkammknochen. Das hängt aber davon ab, welche Art "Stammzellenprodukt" der Patient braucht. Das entscheidet der Arzt des Patienten.

Eine Knochenmarkspende darf man übrigens auch mit einem schweren Bandscheibenvorfall nicht mehr machen. Dann darf man nur noch über die periphere Methode spenden. Bei der Neuaufnahme wird erfragt, ob schwere Erkrankungen vorliegen. In der Vorbereitung auf die Spende muss man dann einen ausführlichen Fragebogen ausfüllen und in einem letzten Schritt wird man dann noch vom Entnahmearzt untersucht. Der Entnahmearzt entscheidet dann, ob beide Entnahmearten möglich sind. Wenn nur noch eine Entnahmeart möglich ist, wird das dem Arzt des Leukämiepatienten mitgeteilt. Der entscheidet dann, ob ein alternativer Spender gesucht wird oder ob der ursprünglich angefragte Spender spenden soll, obwohl nicht die gewünschte Spendenmethode durchgeführt werden kann.

Das heißt aber, es gibt noch jede Menge Menschen, die noch nicht registriert sind und nicht zu alt, zu jung oder zu krank sind. Es kostet aber nichts, sich typisieren zu lassen?

Ganz genau. Es ist natürlich sehr hilfreich, wenn man etwas spendet, denn - na klar - entstehen bei der Typisierung Kosten, das sind ungefähr 35 Euro pro Typisierung. Aber prinzipiell muss man diese Kosten nicht übernehmen, wenn man sich als Spender registrieren lässt.

Nach dieser ersten Flut von Informationen, erzählt Jenny im zweiten Teil des Interviews wie es sich anfühlt, selber Stammzellen für einen Krebspatienten zu spenden. 

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